Ärzte Zeitung online, 04.08.2017
 

Deutsches Krebsforschungszentrum

"Vernetzung statt Mammutzentren!"

Professor Dr. Michael Baumann ist Radioonkologe und seit November 2016 Vorstandsvorsitzender und Wissenschaftlicher Stiftungsvorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums DKFZ in Heidelberg. Um die Onkologie in Deutschland auf einem internationalen Spitzen- niveau zu halten, setzt er auf Kooperationen.

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Mehr Netzwerke und Kooperationen: Dafür möchte sich DKFZ-Vorstandsvorsitzender Professor Dr. Michael Baumann einsetzen.

© Gualtiero B. – Panthermedia.ne

Ärzte Zeitung: Herr Professor Baumann, welchen Stellenwert hat die Radioonkologie im Vergleich zu anderen krebstherapeutischen Ansätzen?

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Prof Dr. Michael Baumann, DKFZ-Vorstandsvorsitzender

© NCT-Dresden/Philip Benjamin

Baumann: Einen sehr hohen. Radioonkologische Verfahren sind bei mehr als der Hälfte aller Tumorbehandlungen im Einsatz und – allein oder in Kombination mit anderen Verfahren - für 40 Prozent aller Heilungen verantwortlich. Nur die Chirurgie leistet einen höheren Beitrag, Medikamente folgen derzeit noch auf Platz 3.

Welche radioonkologischen Entwicklungen bringen die Therapie voran?

 Ein großer Fortschritt ist die zunehmende Personalisierung der Strahlentherapie. Wir sind dadurch heute viel besser in der Lage, den Tumor präzise zu vernichten und gesundes Gewebe zu schonen. In Kombination mit einer Operation lassen sich etwa Brust- und Enddarmkrebs gut behandeln, beim Prostatakrebs und Lungenkrebs etabliert sich die Strahlentherapie sogar als Alternative zur Operation.

Künftige Fortschritte erwarten wir von der Partikeltherapie, die derzeit in Studien untersucht wird. Sie verspricht eine noch höhere Präzision und Vorteile vor allem bei Tumoren im Kindesalter sowie bei Hirn- und Schädelbasistumoren, bei kompliziert gelegenen Tumoren und möglicherweise auch bei häufigen Tumoren wie Lungenkrebs. Und schließlich treiben wir die Personalisierung der Bestrahlung durch Biomarker weiter voran. Trotzdem besteht Verbesserungspotenzial. Über alle Entitäten hinweg beginnen etwa 30 Prozent aller Tumoren trotz hoher Bestrahlungsdosen wieder zu wachsen.

Welchen Anteil hat das Deutsche Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK) mit seinem Programm Strahlentherapie und Bildgebung an diesen Fortschritten?

Bei den Biomarkerstudien nimmt Deutschland eine weltweit führende Rolle ein und das DKTK ist daran maßgeblich beteiligt. Bei der letztjährigen Begutachtung der ersten Förderperiode wurden dem DKTK ausgezeichnete Erfolge bescheinigt. Es ist uns gelungen, die einzelnen Standorte zu einem gut kooperierenden Konsortium zusammenzuführen und Infrastrukturen aufzubauen, die bislang einzigartig in Europa sind. Dazu gehören zum Beispiel IT-Strukturen, die den Austausch klinischer Daten ermöglichen und gleichzeitig höchsten Datenschutzanforderungen gerecht werden. Weiter wurden zahlreiche Forschungsprojekte initiiert, aus denen bereits herausragende Publikationen und erste klinische Studien entstanden sind.

Was sind die Ziele für die jetzt laufende zweite Förderperiode?

Die Förderung des DKTK ist langfristig angelegt. Es geht darum, nachhaltige Strukturen für patientenorientierte Krebsforschung auf höchstem Niveau aufzubauen. Inhaltlich werden wir uns vor allem der Erforschung von Therapieresistenzen, der Immunonkologie und der Identifikation zuverlässiger Biomarkern widmen. Weiter ist geplant, Patientenkohorten mit umfänglichen Forschungs- und Verlaufsdaten aufzubauen, um Fragen zur Tumorbiologie zu beantworten – alles im Sinne einer personalisierten Onkologie.

Welche Rolle spielt die Prävention?

Am DKTK widmen wir uns dem Thema Krebsprävention über unsere Forschung zur molekularen Diagnostik und durch die Entwicklung nicht-invasiver Techniken wie beispielsweise der Liquid Biopsie, um das Screening von Risikogruppen und die Früherkennung zu verbessern. Abgesehen davon ist die Prävention am DKFZ ebenfalls sehr gut repräsentiert. Es gibt dort mehrere Lehrstühle für Epidemiologie, Prävention und Früherkennung mit entsprechender Ausstattung.

Was haben Sie sich persönlich für Ihr Amt als Vorstandsvorsitzender und Wissenschaftlicher Stiftungsvorstand des DKFZ vorgenommen?

Zum einen möchte ich, dass das DKFZ auch künftig einen substanziellen Beitrag zur Prävention, Früherkennung, Diagnostik und Therapie von Krebserkrankungen leistet. Zum anderen werde ich mich dafür einsetzen, dass weitere Netzwerke und Kooperationen auf nationaler wie internationaler Ebene entstehen. Keine anderen Erkrankungen sind so heterogen, wie Krebserkrankungen. Um sie zu verstehen, benötigt man eine Vielzahl an Informationen, deren Generierung und Verarbeitung – Stichwort Big Data – eine gewaltige Aufgabe ist. In den USA führt das dazu, dass einzelne Zentren immer größer werden. Für uns in Deutschland ist das kein geeignetes Modell, wir setzen auf Vernetzung. Darin sind wir gut, damit schaffen wir einen Zugang zur Versorgung in der Fläche und damit sind wir auf einem sehr guten Weg, um gegen die Mammutzentren in den USA zu bestehen.

Dieser Beitrag ist in der Beilage der "Ärzte Zeitung" vom 30.6.17 anlässlich des Symposiums "Innovations in Oncology" am DKFZ in Heidelberg erschienen.

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