Ärzte Zeitung online, 18.08.2017

Diagnose "Krebs"

Hilfe für die Seele gefordert

Eine Krebsdiagnose ist ein Schock. Die Psychoonkologie soll helfen. Aber die Unterstützung ist wenig bekannt und unterfinanziert.

Von Anno Fricke

Hilfe für die Seele gefordert

Diagnose Krebs: Ärzte fordern die Integration der Psychoonkologie in die klinischen Abläufe: zum Beispiel die Einbindung in Tumor-Boards.

© Olga Lyubkina / Fotolia

BERLIN. Die Psychoonkologie ist nach wie vor ein Stiefkind der onkologischen Versorgung. Befragungen haben ergeben, dass die Angebote nach wie vor nicht flächendeckend bekannt sind. Nur rund die Hälfte der Patienten nutzten die Unterstützungsangebote, berichtete Professor Peter Herschbach, Direktor des Comprehensive Cancer Centers in München, beim Weltkongress für Psychoonkologie in Berlin.

Im Gesundheitsministerium hat man den Bedarf erkannt. Die Finanzierung der 18 Krebsberatungsstellen in Deutschland solle in der kommenden Legislaturperiode auf gesetzliche Grundlage gestellt werden, hat Ministerialdirigent Dr. Antonius Helou am Mittwoch angekündigt.

Ärzten reichen diese Perspektiven nicht aus. Sie fordern die Integration der Psychoonkologie in die klinischen Abläufe: zum Beispiel die Einbindung in die Tumor-Boards, aber auch die Aufnahme psychoonkologischer Befunde in den einheitlichen onkologischen Basisdatensatz der Tumorzentren (ADT) und der epidemiologischen Krebsregister (GEKID) und in Entlassbriefe.

Trotz aller Absichtserklärungen der Politik: Die Finanzierung der Psychoonkologie bereitet Kummer. Bei einem Kongress-Symposium wurde deutlich, dass sich ambulant tätige Psychoonkologen eine reguläre Abrechnungsziffer für die Behandlung des vom Krebs ausgelösten erhöhten Distress wünschen. Bislang sind lediglich Behandlungen aufgrund vom Krebs ausgelöster tatsächlicher seelischer und psychosomatischer Begleiterkrankungen regelhaft abrechenbar. Klinikverwaltungen beklagen zudem, dass das in der Psychoonkologie eingesetzte Personal nicht DRG-relevant sei.

Knapp 500.000 Menschen im Jahr erkranken in Deutschland neu an Krebs. Die Diagnosen lösen oft Ängste und Unsicherheit aus. Belastend seien nicht allein die Konfrontation mit Sterben und Tod, sondern auch die Beeinträchtigungen von Körperfunktionen, Beschränkungen im Alltag und spirituelle Herausforderungen, sagte Professor Hermann Faller von der Universität Würzburg. Seit einigen Jahren nimmt die Zahl der Menschen zu, deren Krebserkrankung chronifiziert oder die sogar geheilt werden. Auch diese Entwicklungen stellen Herausforderungen für die Psychoonkologie dar.

Der Nationale Krebsplan hat das Ziel formuliert, dass alle Betroffenen bei Bedarf eine angemessene psychoonkologische Versorgung erhalten. Eine Befragung von 4020 Patienten unter Federführung der Uniklinik Freiburg mit 30 Kliniken und niedergelassenen Onkologen hat ergeben, dass etwa die Hälfte der Patienten von der Krebsdiagnose stark belastet wird.

Krebsdiagnosen und Psychoonkologie

- 500.000 Menschen im Jahr erkranken in Deutschland an Krebs.

» Die Hälfte fühlt sich von einer Krebsdiagnose stark belastet.

» Ein Drittel wünscht psychosoziale Unterstützung.

» Ein Viertel nutzt psychoonkologische Unterstützung.

Quellen: Universitäten Freiburg, Heidelberg, Hamburg, Würzburg, Leipzig und München.

Lesen Sie dazu auch:
Psychoonkologie: Psyche ist Stiefkind der Krebstherapie

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Baustelle Psychoonkologie

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

So teilt sich die Arbeitszeit von Ärzten auf

Wie viel Zeit bringen Ärzte für GKV-Patienten auf, wie viel für Bürokratie? Wie sind die Unterschiede in Stadt- und Landpraxen und den Fachbereichen? Wir geben Antworten. mehr »

Sepsis – "häufigste vermeidbare Todesursache im Land"

Alle sechs bis sieben Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch an einer Sepsis. Viele dieser Todesfälle wären vermeidbar. Ärzte, Patientenschützer und Politiker fordern jetzt: Die Blutvergiftung muss als Notfall akzeptiert werden. mehr »

"Hacker kommen wie durch eine offene Tür in Arzt-Systeme"

Nehmen niedergelassene Ärzte Gefahren durch Cyber-Angriffe ernst genug? Sie selbst glauben das mehrheitlich. Ein Sicherheitsexperte gießt Wasser in den Wein. mehr »