Ärzte Zeitung online, 04.09.2017
 

Interview

"Checkpointinhibition beginnt, zur Routine zu werden"

Es sei sehr wahrscheinlich, dass die Immuntherapie zukünftig das Rückgrat der Krebstherapie darstellen und in ihrer Wirkung durch Chemotherapie, Bestrahlung und andere Maßnahmen verstärkt werde, erklärte Professor Christoph Huber, Präsident des CIMT (Association for Cancer Immunotherapy) bei der Jahrestagung 2017 in Mainz im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Von Peter Leiner

Ärzte Zeitung: Herr Professor Huber: Sind das Immunsystem und seine Aktivitäten gegen Krebs nun vollkommen verstanden?

Professor Christoph Huber: Vollkommen nicht, aber viel besser. Mechanismen, die Tumorabstoßungen ermöglichen, sind in ihrer Komplexität besser verstanden und durch In-vivo-Modelle und in der Klinik breit validiert.

Was waren für Sie die Highlights der diesjährigen CIMT-Tagung in Mainz?

Das eine Highlight war zu sehen, dass das Konzept der Checkpointinhibition klinisch breit validiert ist und beginnt, in der Behandlung von Tumorpatienten bei vielen verschiedenen Indikationen zur Routine zu werden.

Diese Checkpointinhibitoren sind mehr oder weniger plötzlich im Repertoire der Onkologen aufgetaucht. Es werden weitere Präparate erwartet. Wie verändert sich dadurch die Krebstherapie?

Das ist ein fundamentaler Ansatz, bei dem erstmals bei vielen Tumorindikationen gezeigt wurde, dass die Aufhebung der negativen Kontrolle der körpereigenen Abwehr bei vielen Patienten zu Tumorabstoßungen führt. Diese Effekte sind keineswegs marginal, sondern können zum Beispiel bei Lungenkrebs, der häufigsten Tumorart, ein Viertel bis ein Drittel der Patienten heilen. Das war in den fortgeschrittenen Stadien der Erkrankung bisher mit keiner Behandlung möglich. Das kann man als Durchbruch bezeichnen.

Erstaunliche Ergebnisse hat die Therapie mit autologen, gentechnisch veränderten T-Zellen – den CAR-T-Zellen – gebracht, zum Beispiel bei Leukämiepatienten. Hat die Strategie das Zeug zur Standardtherapie?

Die Therapie mit chimären CAR-T-Zell-Rezeptoren – ein zweites Highlight der Tagung –, die gegen bestimmte akute Leukämien und eine Vielzahl von malignen Lymphomen gerichtet sind, steht unmittelbar vor der Zulassung. Obwohl teuer und aufwändig, wird sie auf der Basis der hohen Wirksamkeit mit Heilung von rund zwei Drittel der unheilbaren Patienten mit ALL ohne Zweifel Teil der Routinebehandlung werden. Die Herausforderung mit dieser Art von Strategie ist die Behandlung von bisher unheilbaren Krebskranken. Hier gibt es zahlreiche komplementäre Ansätze weltweit, vor allem in USA, aber auch zunehmend in Deutschland. Wir selber entwickeln derzeit ebenfalls im "Mainzer Krebsimmuntherapie-Hub" auch eine solche Therapie. Es ist wahrscheinlich, dass mit der CAR-Technik auch bei soliden Tumoren ein Durchbruch gelingen wird.

Bei der CAR-T-Zelltherapie sind allerdings sehr starke Nebenwirkungen möglich …

Das ist richtig. Es gibt drei Hauptnebenwirkungen. Die CART-Toxizität wird durch massiven Tumorzerfall und Aktivierung von Abwehrzellen, die diesen Zerfall herbeiführen und die Zytokine freisetzen, ausgelöst. Hier sind Verbesserungen zu erwarten, die diese Nebenwirkung nicht so dramatisch und somit kontrollierbarer machen.

Die zweite Gruppe von Nebenwirkungen der CART-Therapien beruht darauf, dass die gewählten Rezeptoren Antigene erkennen, die auch auf Normalgeweben vorkommen. Der Ausweg hier ist, bessere Zielstrukturen zu identifizieren. Das ist auch eine Domäne unserer Forschergruppe.

Schließlich muss man das normale Immunzellrepertoire so stark über eine mittelintensive Chemotherapie vermindern, dass sich adoptiv transferierte genetisch veränderte Abwehrzellen in dieser "Nische" möglichst stark vermehren und dadurch ihre Wirkung besser entfalten können. An der Verbesserung dieser Konditionierung wird ebenfalls geforscht.

Wird die Immuntherapie die traditionelle Krebstherapie eines Tages ersetzen?

Das ist unwahrscheinlich. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass sie das Rückgrat der Krebstherapie darstellen und in ihrer Wirkung durch Chemotherapie, Bestrahlung und andere Maßnahmen verstärkt wird. So wissen wir heute, dass die Standardchemotherapien die Wirkung von Krebsimpfstoffen sogar verstärken. Wir hatten früher gedacht, dass würde sich gegenseitig ausschließen und wissen heute, dass beide Therapieformen synergistisch sind.

Die Association for Cancer Immunotherapy (CIMT) feiert in diesem Jahr ihr 15-jähriges Bestehen. Wo sehen Sie den Verein in zehn Jahren, quasi zur "Silberhochzeit"?

Wir werden in einer europäischen Plattform aufgehen, dem European Network Cancer Immunotherapy (ENCI), das in gleichberechtigter Partnerschaft mit den US-amerikanischen Netzwerken dieses Forschungsgebiet in Europa voranbringt. Das wurde auch während des diesjährigen CIMT-Kongresses in Mainz angesprochen.

Die europäische Zerrissenheit ist nicht nur politisch und wirtschaftlich häufig ein Problem, sondern auch in der Umsetzung und Vernetzung von Wissenschaftsvorhaben. CIMT ist zwar die größte europäische Plattform dieser Art, aber sie ist immer noch klein. Wir wollen unter dem neu geschaffenen Dach des ENCI, dessen Gründungsstatuten von ersten Partnerorganisationen in diesem Frühjahr unterzeichnet wurden, eine große europäische Plattform schaffen. Unter dieser Plattform werden CIMT und andere Teilorganisationen ihr Leben führen. Sie werden darin ihre Kräfte vereinigen, um Großprojekte und Großveranstaltungen zu realisieren, aber vielleicht auch die Vertretung von Ansprüchen gegenüber Politik und Zulassungsbehörden wahrzunehmen.

Die Umsetzung wird doch schon innerhalb der nächsten fünf Jahre sein, oder?

Solche Umsetzungen brauchen immer etwas länger als geplant, was auch manchmal ganz vernünftig ist, weil man ja Kompromisse eingehen muss, um sich gegenseitig anzunähern. Aber bis zur "Silberhochzeit" schätzen wir, wird diese Dachorganisation funktionieren.

Professor em. Dr. Christoph Huber

- Onkologe, Präsident des CIMT – Association for Cancer Immunotherapy (CIMT)

- Bis 2009 Direktor der III. Medizinischen Klinik und Poliklinik mit den Schwerpunkten Hämatologie, Onkologie und Stammzelltransplantation an der Universitätsmedizin Mainz

- Mitgründer der Biotech-Firmen Ganymed, BioNTech und TRON

„Checkpointinhibition beginnt, zur Routine zu werden“

© Juan Gärtner / Fotolia

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