Ärzte Zeitung, 24.11.2017
 

Qualitätsmonitor

Kontra Gelegenheitschirurgie – AOK fordert mehr Zentren

Operationsergebnisse in der Onkologie sind auch von der Fallzahl abhängig, legen aktuelle Studienergebnisse nahe. Die Lobby der Krankenhäuser ist skeptisch.

Von Anno Fricke

Kontra Gelegenheitschirurgie – AOK fordert mehr Zentren

In spezialisierten Kliniken sterben deutlich weniger Patienten bei Lungenresektionen.

© M. Ernert / Attachment

BERLIN. Die Risiken, direkt im Zusammenhang mit einer Operation im Krankenhaus zu sterben, sind in Häusern mit geringen Fallzahlen höher als in den Kliniken, in denen die Eingriffe häufiger vorgenommen werden. Das geht aus dem vom Wissenschaftlichen Dienst der AOK (WIdO), Gesundheitsstadt Berlin und der Initiative Qualitätsmedizin (IQM) herausgegebenen "Qualitätsmonitor 2018" hervor.

Für die These gibt es zunehmende Evidenz. Würden Operationen von Lungenkrebs, Darmkrebs, Blasenkrebs, Speiseröhrenkrebs und Bauchspeicheldrüsenkrebs in Zentren mit ausreichender Fallzahl gebündelt, würden rechnerisch knapp 600 Menschen im Jahr weniger sterben, hat eine Untersuchung der Technischen Universität Berlin für den AOK-Monitor ergeben.

Um die ausreichende Fallzahl zu ermitteln, wurden die Ergebnisse aller untersuchten Kliniken in ein Verhältnis gesetzt. Auch Häuser mit geringen Fallzahlen waren eingeschlossen.

Halbierte Überlebenschancen

Ein Beispiel: Von den gut 12.000 Lungenkrebspatienten im Jahr, denen ein Teil der Lunge entfernt werden soll, wird ein Fünftel in den 26o Kliniken mit den geringsten Fallzahlen, nämlich im Schnitt nicht mehr als fünf pro Jahr, operiert.

In diesen Häusern halbiere sich die Überlebenschance. Über alle gesehen, sei die Überlebenschance in Häusern mit mehr als 75 Lungenresektionen im Jahr um 39 Prozent besser als in den übrigen, sagte Professor Thomas Mansky von der TU. Ab 75 Resektionen kann sich eine Klinik als Zentrum zertifizieren lassen.

Er verwies auf große regionale Unterschiede in der Verteilung von Krankenhäusern, die die für eine Zertifizierung als Zentrum nötige Mindestmenge erreichten.

Die Krankenhausgesellschaft reagierte umgehend. Eine einfache Kausalität – vom operierenden Krankenhaus zum späteren Todesfall – aus der Interpretation von Abrechnungsdaten ableiten zu wollen und damit den Eindruck vermeidbarer Todesfälle in den Raum zu stellen, sei schlichtweg unseriös, sagte Hauptgeschäftsführer Georg Baum.

In manchen Häusern werden laut AOK-Untersuchung selbst hochkomplexe Eingriffe nur weniger als fünfmal im Jahr vorgenommen. "Diese Form von Gelegenheitschirurgie ist nicht das, was eine Kasse akzeptieren kann", kommentierte Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands, das Ergebnis bei der Vorstellung des Monitors am Donnerstag in Berlin. Er forderte einen konsequenten Umbau der Krankenhauslandschaft in hochspezialisierte Zentren.

Eine Milliarde laut KHSG

Der Gesetzgeber solle dafür 75 Milliarden Euro bis zum Jahr 2025 bereitstellen. Im Krankenhausstrukturgesetz (KHSG) ist dafür bislang eine Milliarde Euro vorgesehen.

Litsch kündigte an, die Forderung nach neuen Mindestmengen zum Beispiel für Lungenkrebs und die Erhöhung bestehender in den Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) einzubringen. Mindestmengen seien ein auch von den Kliniken längst anerkanntes Instrument der Qualitätssicherung, sagte Baum. Grundsätzlich verweigerten sich die Krankenhäuser diesen Instrumenten nicht.

"Freiwilligkeit geht schneller als Regulation" gab Professor Ralf Kuhlen von der Initiative Qualitätsmedizin zu bedenken. Patienten sollten Informationen über die Ergebnisqualität der Kliniken bekommen, in das sie ihr Arzt einweist.Die im Monitor abgebildeten Daten müssten von den Planungsbehörden zügig zur Kenntnis genommen werden, sagte Ex-Gesundheitssenator Ulf Fink, Vorsitzender von Gesundheitsstadt Berlin.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Op-Mindestmengen: Qualität mit Konsequenz

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