Ärzte Zeitung online, 01.03.2018

Gezielte Trainingsprogramme

Bewegung schützt vor Folgen einer Hormontherapie bei Krebs

Immer mehr Menschen erhalten wegen Prostatakarzinom oder Brustkrebs langjährige Hormontherapien. Das hat Folgen für den Körper, denen aber durch gezieltes Training entgegengewirkt werden kann.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Bewegung schützt vor Folgen einer Hormontherapie bei Krebs

Ausdauersport und Krafttraining verringern bei Krebspatienten Beschwerden, die eine Hormontherapie mit sich bringt. Gegen eine Fatigue sollte jedoch frühzeitig vorgegangen werden.

m.mphoto - stock.adobe.com

BERLIN. Patienten unter (Anti-)Hormontherapien waren mit die ersten Krebskranken, bei denen klinische Forscher die positiven Effekte von gezielten Trainingsprogrammen auch wissenschaftlich nachweisen konnten. Der "Klassiker" ist die sogenannte Fatigue, die Müdigkeit also, die einen Teil der mit Anti-Hormonen behandelten Patienten mit Prostatakarzinom befällt.

Hier gibt es eine ganze Bibliothek an Forschungsliteratur zu den Effektstärken unterschiedlichster Maßnahmen. Privatdozent Dr. Freerk Baumann von der AG Onkologische Bewegungsmedizin von Universitätsklinikum und Deutscher Sporthochschule in Köln berichtete beim Deutschen Krebskongress in Berlin über eine kürzlich publizierte Metaanalyse, in die 113 randomisierte Studien Eingang gefunden haben.

Weniger Fatigue und Arthralgien

Die Kernbotschaft: Mit Bewegungstherapie beziehungsweise allgemeiner mit Sport lässt sich die krebsassoziierte Müdigkeit hoch effektiv lindern. Dies gelte vor allem dann, wenn sie früh im Therapieverlauf begonnen werde, so Baumann: "Es ist schwieriger, eine Fatigue, die schon besteht, zu beseitigen. Bewegungstherapie und auch Psychoonkologie sind signifikant wirksamer als pharmazeutische Interventionen, und sie sollten als Firstline-Behandlung angesehen werden."

Effekte von Sport bei Hormontherapie

» Mit Bewegungstherapie lässt sich die krebsassoziierte Müdigkeit bei Patienten mit Prostata-Ca, die eine Hormontherapie erhalten, hoch effektiv lindern.

» Ausdauer- plus Krafttraining verringert Aromatasehemmer-assoziierte Arthralgien bei Brustkrebspatientinnen im Vergleich zur Kontrollgruppe um knapp ein Drittel.

Bei den mit Aromatasehemmern (AI) in Langzeittherapie behandelten Brustkrebspatientinnen sind es unter anderem Gelenkschmerzen, die ein erhebliches Problem darstellen und Compliance gefährden. Hier gibt es zum Effekt von Trainingstherapien weniger Daten, aber einiges gibt es doch. Baumann zitierte eine randomisierte Studie mit 121 Frauen mit Arthralgien unter AI-Therapie. Eine recht intensive Bewegungsintervention mit 150 Minuten aerobem Ausdauertraining pro Woche plus zweimal die Woche intensivem Krafttraining über zwölf Monate verringerte die AI-assoziierten Arthralgien im Vergleich zur Kontrollgruppe um knapp ein Drittel. Dabei gelte es, geduldig zu bleiben, so Baumann. Anders als bei den Prostatapatienten mit Fatigue könnten hier schon mal neun Monate vergehen, bis die Effekte eindeutig sind.

Zurück zum Prostatakarzinom: Hier befassen sich Studien zunehmend mit den Effekten sporttherapeutischer Maßnahmen auch auf andere unerwünschte Folgen einer langjährigen Therapie mit Antihormonen, namentlich auf die für die Antihormontherapien typische Veränderung der Körperkomposition in Richtung einer Verringerung der fettfreien Körpermasse, auf die oft auftretende sexuelle Dysfunktion und auf den Verlust der Knochendichte.

Dass sich mit einem relativ intensiven Sportprogramm die Veränderung der Körperzusammensetzung bremsen beziehungsweise sogar partiell umkehren lässt, konnte bereits vor einigen Jahren gezeigt werden. Australische Sportmediziner haben 57 Patienten mit neuer antiandrogener Therapie randomisiert zu entweder Standardversorgung oder einem zwölfwöchigen Sportprogramm, das Ausdauertraining und Krafttraining umfasste. Die fettfreie Körpermasse nahm dadurch im Vergleich zur Kontrollgruppe um knapp ein Kilogramm zu, der Körperfettgehalt unterschied sich nicht zwischen den Gruppen.

Die härteste Nuss für das Bewegungstraining bei Antihormontherapie ist der Abbau der Knochendichte. Hier gibt es mehrere Studien zu unterschiedlichen Bewegungsinterventionen, die keinen durchschlagenden Erfolg hatten. Was wahrscheinlich funktioniere seien Interventionen, die die Knochen biegen, so Baumann. Das Biegen setzt einen speziellen Reiz, der sich günstig auf das Knochenwachstum auswirkt.

Training erhält Knochendichte

Baumann berichtete über eine Studie, bei der Krankengymnastik, Kraft-/Ausdauertraining und Impact-Training bei Prostatapatienten unter Hormontherapie randomisiert verglichen wurden. Nur mit dem Impact-Training, nicht dagegen mit Kraft-/Ausdauertraining und schon gar nicht mit Krankengymnastik sei es gelungen, die Knochendichte über sechs Monate konstant zu halten.

Impact-Training ist ein relativ intensives Training mit "ruckartigen" Bewegungen, die die Knochen stark fordern. Nicht jeder ältere Mensch ist dafür allerdings geeignet. Typischerweise werden Sprungübungen durchgeführt, zum Beispiel Sprünge mit beiden Beinen über Hürden in unterschiedlicher Höhe. Seilspringen kann ebenfalls Teil eines Impact-Trainings sein. Und auch einige Ballsportarten, etwa Volleyball und Tennis, erzeugen ein ähnliches Belastungsmuster.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Vom Chefarzt zum Hausarzt-Assistenten

Selten dürfte es sein, wenn nicht einmalig: Dr. Roger Kuhn hat seinen Chefarztposten im Krankenhaus aufgegeben, um in einer Hausarztpraxis zu arbeiten – als Assistent. mehr »

Keine Notdienstpflicht für ermächtigte Krankenhausärzte

Muss ein ermächtigter Klinikarzt auch KV-Notdienst leisten? Nein, hat das Bundessozialgericht jetzt entschieden. mehr »

Wenn die Depressions-App zweimal klingelt

Smartphone-Apps könnten helfen, eine beginnende Depression oder ein hohes Suizidrisiko aufzuspüren. Lernfähige Algorithmen könnten ein verändertes Nutzerverhalten erkennen – und notfalls Alarm schlagen. mehr »