Ärzte Zeitung online, 26.02.2019

Forschung am DKFZ

Risikofaktor für Darmkrebs in Milch entdeckt

Erreger aus Kuhmilch und aus Rindfleisch (genannt BMMF für „Bovine Milk and Meat Factors") stehen im Verdacht, bei einer frühkindlichen Infektionen das Risiko für Darmkrebs und andere Krebsarten zu erhöhen. Heidelberger Forscher haben nun weitere Belege für diese These gefunden.

Forsche entdecken neue Erregerart für Krebs

Darmkrebs durch Milch oder Rindfleisch? Heidelberger Forscher finden Hinweise, dass darin eine bestimmte Erregerart vorhanden ist, die die Krebsentstehung begünstigen könnte.

© HappyAlex /stock.adobe.com

HEIDELBERG. Eine frühkindliche Infektion mit einer bisher unbekannten Klasse von Erregern aus Kuhmilch und aus Rindfleisch (genannt BMMF für „Bovine Milk and Meat Factors“) kann das Risiko für Darmkrebs, möglicherweise auch für andere Krebsarten und chronische Erkrankungen, steigern. Wissenschaftler um Harald zur Hausen vom deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg haben diese auf epidemiologischen Beobachtungen basierende Hypothese seit nunmehr über zehn Jahren mit Ergebnissen unterfüttert.

Auf einer Pressekonferenz stellte das DKFZ am Dienstag die aktuelle Datenlage vor. Danach haben die Forscher des DKFZ einen bisher unbekannten Infektionserreger in Blutserum und Milch von eurasischen Rindern nachgewiesen, der indirekt die Entstehung eines Kolonkarzinoms auslösen (Int J Cancer 2019; 144:1574-1583) könnte. Der Erreger habe dabei Ähnlichkeiten sowohl zu Bakterien als auch zu Viren und sei damit ein neuartiger Erregertyp, berichtete zur Hausen bei einer Veranstaltung des DKFZ in Heidelberg.

„Wir konnten Homologien zum p4ABAYE-Plasmid von Acinetobacter nachweisen, aber auch virale Bestandteile von CRESS-DNA-Viren“, berichtete Professor Ethel-Michele de Villiers, Wissenschaftlerin in zur Hausens Team.

In Kolonkarzinom-Proben wiesen die Forscher den Erreger-Typ der sogenannten „Bovine Meat and Milk Factors“ (BMMF) zwar nicht nach. „Wir konnten BMMF aber über eine Antikörperfärbung in der Lamia propria um das Tumorgewebe herum detektieren“, fügte Mitautor Dr. Timo Bund hinzu.

Keime fördern über Entzündungen DNA-Mutationen

Außerdem wies das Team in ebendiesem Bereich Makrophagen sowie Sauerstoffradikale nach. „Wir gehen daher davon aus, dass BMMF über eine andauernde Entzündungsreaktion DNA-Mutationen in den Darmepithelzellen auslöst, was dann ein Kolonkarzinom auslösen kann“, so Bund.

Die Infektion erfolgt den DKFZ-Forschern zufolge dabei im frühen Säuglingsalter kurz nach dem Abstillen, sobald Milch zugefüttert werde. Sei das Immunsystem des Kindes mit etwa einem Jahr ausgereift, sei das Kind vermutlich immunkompetent und könnte den BMMF-Erreger abwehren. Möglicherweise verhinderten bestimmte Zuckerverbindungen in der Muttermilch die Infektion mit dem Erreger, so die Vermutung der Forscher.

Bereits 2015 hatten zur Hausen und seine Kollegen die Hypothese aufgestellt, dass die globale Epidemiologie etwa von Darm- und Brustkrebs auf eine Übertragung von spezifischen Infektionen von Tieren auf Menschen zurückgeführt werden könnte. Alle BMMFs sind eng verwandt mit Plasmidsequenzen in Bakterien der Art Acinetobacter baumannii.

Ende vergangenen Jahres hatte die Arbeitsgruppe um Dr. Timo Bund am DKFZ zuletzt Hinweise für diese These und publiziert. Sie konnten dabei nicht nur nachweisen, dass die BMMFs in menschlichen Zellen langfristig überdauern. Sie haben auch bestimmte BMMF-RNA und -Proteinprodukte identifiziert (Sci Reports 2018; 8:2851). Außerdem wurden in menschlichen Blutproben Antikörper gegen diese Agenzien entdeckt.

Der Nachweis einer direkten Verbindung zwischen einer Infektion mit den BMMFs und einer bestimmten Erkrankung könnte nach Angaben des DKFZ nun auch präventive Möglichkeiten eröffnen, etwa Impfungen oder schützende Lebensstil- und Ernährungsformen. (bae/run)

Die wichtigsten Fragen und Antworten zu BMMFs

Wie und wann infizieren sich Menschen mit BMMFs?

Es ist bekannt, dass das Immunsystem des Menschen erst nach etwa einem Lebensjahr ausgereift ist. Daher ist zu vermuten, dass Säuglinge bereits frühzeitig beim Zufüttern mit Kuhmilch infiziert werden. Ist das Immunsystem ausgereift, liegt ein besserer Schutz gegen die Infektion vor. Bei früher Infektion von Säuglingen dagegen kann sich eine Immuntoleranz gegen die BMMF entwickeln.

Müssen wir nun Rindfleisch und Milchprodukte meiden?

Das dürfte beim Erwachsenen nur wenig Wirkung zeigen, da wir vermutlich bereits alle mit BMMFs infiziert wurden. Allerdings sollte man Säuglinge keinesfalls früh mit Kuhmilchprodukten füttern.

Beispiel Darmkrebs: In welchen Gewebebereichen lassen sich BMMFs nachweisen?

Im Dickdarm finden sich Infektionen in der Lamina propria, der unter der Schleimhaut gelegenen Bindegewebsschicht, vor allem in der Umgebung der Lieberkühn‘schen Krypten. Dabei handelt es sich um schlauchförmige Einsenkungen der Darmschleimhaut, die der Sekretion dienen und in deren unteren Ende die Darm-Stammzellen lokalisiert sind. In den durch BMMFs infizierten Gewebebereichen konnten erhöhte Spiegel reaktiver Sauerstoffverbindungen nachgewiesen werden, ein typisches Merkmal für Entzündungen. Solche Sauerstoffradikale begünstigen die Entstehung von Erbgutveränderungen.

Führt eine Infektion mit BMMFs zwangsläufig zu Darmkrebs?

Eher nicht. Der Anteil, den BMMF-Infektionen am gesamten Darmkrebsrisiko haben, ist offensichtlich hoch, er lässt sich aber nicht exakt beziffern. Es wird derzeit geprüft, ob bei Darmkrebspatienten die Menge an nachweisbarem BMMF Protein mit dem Überleben der Patienten korreliert. Wenn ja, wäre Personen mit hohem BMMF-Level anzuraten, die Angebote zur Darmkrebsfrüherkennung besonders sorgfältig wahrzunehmen.

Ist Prävention möglich?

Da das Brustgewebe im Kontakt mit den schützenden Zuckerverbindungen ist, kann man dies vermuten. Zahlreiche Studien aus den USA zeigen, dass mit jedem zusätzlichen Monat des Stillens das Brustkrebsrisiko der Mutter sinkt. Untersuchungen zur Inzidenz von Darm- und Lungenkrebs bei Frauen, die viele Kinder zur Welt gebracht haben, legen auch hier einen protektiven Effekt nahe.

Ist eine Impfung gegen BMMFs denkbar?

Denkbar wäre es, Rinder zu impfen und so die Übertragung der BMMFs auf den Menschen zu verhindern. Auch eine Schutzimpfung von Babys ist vorstellbar. Es wird geprüft, ob das RepProtein schützende Immunität induzieren kann. (Quelle: DKFZ)

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