Ärzte Zeitung online, 07.10.2019

Medizin-Nobelpreis 2019 vergeben

Wie Zellen Sauerstoff wahrnehmen und sich anpassen

Für den Medizin-Nobelpreis steht die diesjährige Entscheidung fest: Zwei Amerikaner und ein Brite erhalten ihn für ihre Forschungsarbeiten zu Sauerstoffmechanismen in Zellen.

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Am Montag hat in Stockholm die Bekanntgabe der diesjährigen Nobelpreisträger begonnen. Eine Medaille mit dem Konterfei von Alfred Nobel (hier im Nobel Museum zu sehen): Über 900 Wissenschaftler, Literaten und andere Persönlichkeiten sind bisher damit geehrt worden.

© Kay Nietfeld/dpa

STOCKHOLM. Der Nobelpreis für Medizin geht in diesem Jahr an William Kaelin (USA), Peter Ratcliffe (Großbritannien) und Gregg Semenza (USA) für ihre Entdeckung molekularer Mechanismen, mit denen Zellen den Sauerstoffgehalt wahrnehmen und sich daran anpassen. Das teilte das Karolinska-Institut am Montag in Stockholm mit.

Die Kenntnis dieser Mechanismen sei wichtig für die Behandlung zahlreicher Krankheiten, hieß es von der Nobeljury. Die Entdeckung habe den Weg freigemacht für vielversprechende Strategien etwa gegen Blutarmut, Krebs und viele andere Erkrankungen.

Die drei Forscher waren bereits 2016 mit dem Lasker Award – auch als Vorzimmer für den Medizin-Nobelpreis bezeichnet  – für ihre Arbeiten ausgezeichnet worden. Sie haben unter anderem ein Protein entdeckt, mit dem sich gesunde Zellen, aber auch Krebszellen, vor den Folgen eines Sauerstoffmangels schützen.

Damit befassten sich die Forscher im Einzelnen

  • Semenza konnte zum Beispiel zeigen, dass sich Zellen mithilfe des Hypoxie-induzierten Faktors (HIF) an wechselnde Qualitäten der Sauerstoffversorgung anpassen können, heißt es auf Wikipedia. HIF-1 reguliert die Transkription von Genen, die an der Glykolyse, an der Produktion von roten Blutkörperchen und an der Angiogenese beteiligt sind.
  • Ratcliffe wiederum entdeckte die entsprechende Grundlage, nämlich, dass es in allen Zellen des menschlichen Körpers (und bei allen Tieren) ein System gibt, das die Versorgung mit Sauerstoff misst und entsprechend steuert.
  • Und Kaelin befasste sich unter anderem mit dem VHL tumor suppressor protein (pVHL). Dieses reguliert den Hypoxie-induzierten Faktor (HIF), der wiederum mittels Vascular Endothelial Growth Factor (VEGF) die Gefäß- und damit die Sauerstoffversorgung von Tumoren reguliert.

Dank dieser bahnbrechenden Forschung zum Sauerstoff-Sensor-System in den Körperzellen können Pharma-Unternehmen neue Medikamente gegen Anämie und verschiedene Krebsarten entwickeln, hebt auch der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) in einem Statement hervor. Einige davon würden bereits mit Patienten erprobt.

Die Medikamente gegen Anämie bei Nierenkrankheit, die HIF-Prolylhydroxylase-Inhibitoren genannt werden, haben bereits das letzte Erprobungsstadium vor der Zulassung erreicht: die klinischen Studien mit Patienten der Phase III. In Japan und China wurde eins dieser Medikamente sogar schon zugelassen. Sie werden auch für die Eignung zur Behandlung entzündlicher Darmerkrankungen erprobt.

Auch Medikamente aus einer zweiten auf HIF beruhenden Arzneimittelklasse – den HIF-2-alpha-Antagonisten – befinden sich laut vfa in der Erprobung mit Patienten; in klinischen Studien der Phase II. Mit ihnen soll die Behandlung von Nierenkrebs, Hirntumoren und anderen Krebsarten verbessert werden.

216 Medizin-Nobelpreisträger sei 1901

Der Nobelpreis – die höchste Auszeichnung für Mediziner – ist in diesem Jahr mit umgerechnet 830.000 Euro (9 Millionen Schwedischen Kronen) dotiert.

Seit 1901 haben 216 Menschen den Medizin-Nobelpreis erhalten, darunter 12 Frauen. Der erste ging an den deutschen Bakteriologen Emil Adolf von Behring für die Entdeckung einer Therapie gegen Diphtherie.

Im vergangenen Jahr hatten der US-Amerikaner James Allison und der Japaner Tasuku Honjo den Preis für die Entwicklung von Immuntherapien gegen Krebs erhalten.

Dienstag folgen die Preise für Chemie und Physik

Mit dem Medizin-Preis startete der Nobelpreis-Reigen. Am Dienstag und Mittwoch werden die Träger des Physik- und des Chemie-Preises benannt. Am Donnerstag folgt die Bekanntgabe der diesjährigen Literatur-Nobelpreisträger. In diesem Jahr werden ausnahmsweise zwei Autoren geehrt, da der Preis 2018 nach einem Skandal im Jurygremium nicht vergeben wurde.

Am Freitag wird bekannt, wer den diesjährigen Friedensnobelpreis erhält. Die Verkündung der Preisträger endet am folgenden Montag, 14. Oktober, mit dem von der schwedischen Reichsbank gestifteten sogenannten Wirtschafts-Nobelpreis.

Die feierliche Vergabe aller Auszeichnungen findet traditionsgemäß am 10. Dezember statt, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel.

Bereits am 25. September waren die vier Träger der diesjährigen Alternativen Nobelpreise von der Right Livelihood Stiftung bekanntgegeben worden. Es sind die schwedische Schülerin Greta Thunberg, die Menschenrechtskämpferin Aminatu Haidar aus der Westsahara, die chinesische Frauenrechtlerin Guo Jianmei sowie der brasilianische Ureinwohner Davi Kopenawa. (dpa/run)

Lesen Sie dazu auch:
Übersicht: Das sind die Medizin-Nobelpreisträger seit 2009

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