Ärzte Zeitung online, 09.09.2010
 

Neue Enzym-Hemmer und Gentests beleben Versorgung bei Lungenkrebs

BERLIN (gvg). Mutationsanalysen und neue Therapeutika bringen Bewegung in die Therapie von Lungenkrebs-Patienten mit nicht-kleinzelligem Bronchialkarzinom (NSCLC). Moderne Tyrosinkinase-Hemmer wie Afatinib haben in Phase-II-Studien bereits vielversprechende Ergebnisse geliefert.

Neue Enzym-Hemmer und Gentests beleben Versorgung bei Lungenkrebs

Röntgenaufnahme eines Patienten mit Lungenkrebs-Rezidiv.

© Prof. Wolfgang Schütte

"Der derzeitige Standard in der Firstline-Therapie beim NSCLC sind platinbasierte Chemotherapie-Doubletten", betont Dr. Alexander Schmittel von der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Transfusionsmedizin an der Charité Berlin, Campus Benjamin Franklin. Cisplatin plus Gemcitabin und Cisplatin plus Pemetrexed sind gängige Kombinationen. Auch Kombinationsschemata aus Carboplatin und Paclitaxel werden genutzt. Ein medianes Gesamtüberleben von 10 bis 12 Monaten lässt sich damit erreichen. Für die Zweittherapie stehen unter anderem Pemetrexed, Erlotinib und Docetaxel als Monotherapie zur Verfügung.

"Eine Sonderstellung nehmen Patienten ein, bei denen aktivierende Mutationen der EGFR*-Tyrosinkinase nachweisbar sind", so Schmittel. Bei etwa 10 bis 15 Prozent der Patienten mit einem Adenokarzinom ist das der Fall. Diese Patienten sprechen außer auf eine klassische Chemotherapie auch auf Tyrosinkinase-Hemmer an.

Am besten untersucht seien derzeit die Hemmer Gefitinib und Erlotinib. Gefitinib kann bei NSCLC-Patienten mit EGFR-Mutationen sowohl in der Erst- als auch in der Zweittherapie nach klassischer Chemotherapie eingesetzt werden. "Für den Einsatz zu Beginn der Therapie sprechen eine ausgeprägte Wirksamkeit und ein langes progressionsfreies Überleben. Es gibt aber auch Argumente für einen Einsatz erst nach der Chemotherapie", so der Experte.

Enzymhemmer blockiert gleich zwei Signalwege

Die Anwendung der Mutationsanalyse zur Auswahl von Patienten, die von Tyrosinkinase-Hemmern profitieren, sei derzeit zweifellos das vielversprechendste Forschungsgebiet beim NSCLC, betonte Schmittel im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". So liefen derzeit zum Beispiel Studien zur Anwendung des Tyrosinkinase-Hemmers Crizotinib bei Patienten, die ein Adenokarzinom mit Mutation im ALK-Gen aufweisen. Diese Mutation betrifft etwa fünf Prozent der Patienten mit Adenokarzinom der Lunge.

Ein weiterer Tyrosinkinase-Hemmer in fortgeschrittener klinischer Prüfung ist Afatinib. "Diese Substanz unterscheidet sich von anderen Tyrosinkinase-Hemmern dadurch, dass sie zwei Signaltransduktionswege blockieren und zudem eine irreversible Hemmung der Tyrosinkinase bewirkt", so Schmittel. Dies sei ein theoretischer Vorteil, dessen Relevanz für den Patienten bisher durch Daten aus Phase-II-Studien untermauert werde. "In Kürze erwarten wir die ersten Ergebnisse aus Phase-III-Studien, die zeigen werden, ob sich die guten Ergebnisse auch in einem größeren Kollektiv reproduzieren lassen."

Aktuelle Phase-II-Daten aus dem Studienprogramm LUX-Lung wurden Mitte des Jahres bei der Tagung der American Society of Clinical Oncology (ASCO 2010) in Chicago vorgestellt. Sie belegen, dass es bei 61 Prozent der Patienten mit häufigen EGFR-Mutationen - Deletion 19 und L858R-Mutation - während der Therapie mit Afatinib zu einer Tumorverkleinerung (partial response) kommt. Das progressionsfreie Überleben lag im Median bei 14 Monaten, das Gesamtüberleben bei zwei Jahren.

Afatinib scheine aber nicht nur bei Patienten mit EGFR-Mutationen, sondern auch unabhängig vom Mutationsstatus wirksam zu sein, wie Schmittel betonte: "Vor allem Patienten, die unter einem ersten Tyrosinkinase-Hemmer zunächst stabil waren und dann refraktär wurden, profitieren offenbar von der Afatinib-Therapie." Denkbar ist, dass sich die breitere Tyrosinkinase-Hemmung, die mit Afatinib erreicht wird, hier auswirkt. Afatinib blockiert nicht nur den EGFR/HER1-Rezeptor, sondern auch den EGFR/HER2-Rezeptor und damit einen zweiten Signalweg des epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptors.

*EGFR: epithelial growth factor receptor

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