Ärzte Zeitung, 06.12.2016
 

Lungenkrebs-Weltkongress

Hoffnung auf bessere Überlebens-Chancen

Prävention sowie Fortschritte bei der Früherkennung und Therapie sind wichtige Themen beim Lungenkrebs-Weltkongress in Wien. Die Experten sind sich einig: Die meisten Erkrankungen wären vermeidbar, wenn rigoroser gegen das Rauchen vorgegangen würde.

Hoffnung auf bessere Überlebens-Chancen

Lungenkrebsrisiko: 85 Prozent der Betroffenen sind Raucher oder Ex-Raucher.

© Maurizio Milanesio / fotolia.com

Lungenkrebs ist die häufigste Krebserkrankung und zudem die Ursache für die meisten Krebs-Todesfälle. So erkranken weltweit 1,82 Millionen Menschen pro Jahr daran, das ist jeder achte Krebspatient (12,9 Prozent). Mit 1,6 Millionen Todesfällen jährlich steht Lungenkrebs zudem für fast jeden fünften KrebsTodesfall (20 Prozent), wie die im Januar publizierte GLOBOCAN-Studie ergeben hat. "4400 Todesfälle jeden Tag – das ist, als würden alle 24 Stunden zehn vollbesetzte Jumbo-Jets vom Himmel fallen", hat Professor Robert Pirker von der Universitätsklinik für Innere Medizin I (MedUni Wien/AKH) bei einer Pressekonferenz zur World Conference on Lung Cancer (WLCL 2016) in Wien betont.

Prävention wird daher bei der noch bis zum 7. Dezember gehenden Tagung ein besonders breiter Raum gegeben. In Zentraleuropa sind nämlich 85 Prozent aller Lungenkrebs-Patienten Raucher oder ehemalige Raucher, heißt es in einer Mitteilung zum Kongress. Auch Passivraucher haben im Vergleich zu Nichtrauchern ein um 20 Prozent erhöhtes Lungenkrebsrisiko. "Es gibt keine andere Krankheit, die sich durch einfache gesetzliche Maßnahmen so dramatisch eindämmen ließe", so Pirker in der Mitteilung. Der Kongress-Präsident sieht etwa Irland oder Neuseeland als Vorbilder, die bis 2025 den Status von "rauchfreien Gesellschaften" anstreben. Als wirkungsvollste Maßnahme habe sich dabei eine rigorose Erhöhung der Zigarettenpreise herausgestellt.

Screening nur bei hohem Risiko sinnvoll

"Gerade weil wir in der Prävention nachhinken, ist die Früherkennung von Lungentumoren so wichtig", erklärt Privatdozent Helmut Prosch von der Universitätsklinik für Radiodiagnostik, MedUni Wien/ AKH, in der Mitteilung. "Derzeit werden aber nur rund 20 Prozent der Karzinome in einem frühen und gut heilbaren Stadium entdeckt". Mit Spannung erwarten die Experten deshalb neue Erkenntnisse über Screening-Programme. So hat der US-amerikanische "National Lung Screening Trial" schon 2011 gezeigt, dass sich bei starken, über 55-jährigen Rauchern durch ein Screening mit einem Niedrig-Dosis-Spiral-CT die Lungenkrebsmortalität um 20 Prozent senken lässt.

Anders als bei anderen Früherkennungsprogrammen wäre es nicht sinnvoll, möglichst große Bevölkerungsgruppen, sondern nur Personen mit hohem Lungenkrebsrisiko zu erfassen. Prosch: "Untersucht werden sollten nach derzeitigem Wissen nur Raucher über 55 Jahre mit mindestens 30 Packungsjahren sowie ehemalige Raucher, die innerhalb der letzten 15 Jahre aufgehört haben." In diesen Fällen sei dann aber eine engmaschige Kontrolle über mindestens drei Jahre in jährlichen Intervallen sinnvoll.

Deutliche Fortschritte gibt es bei den modernen Lungenkrebs-Therapien. "Vor zehn Jahren schätzten wir uns glücklich, wenn fünf bis zehn Prozent der Patienten mit lokal fortgeschrittenen Lungentumoren überlebten", so Privatdozent Wilfried Eberhardt vom Lungenkrebszentrum am Westdeutschen Tumorzentrum in Essen in der Mitteilung. Mit multimodalen Therapieansätzen, die systemische Chemo- und lokale Strahlentherapie kombinieren, überlebten heute hingegen 30 bis 40 Prozent aus dieser Patientengruppe, so Eberhardt.

Neue Techniken bei Bestrahlung, Op und Diagnostik

Möglich wurden diese Fortschritte nicht zuletzt durch die Weiterentwicklung der Strahlentherapie. Heute kann viel zielsicherer und effizienter bestrahlt werden als noch vor wenigen Jahren. Zudem werden die chirurgischen Eingriffe immer weniger invasiv. "Mit den neuen Operationstechniken gelingt es, zunehmend Organ-sparend zu operieren", so Eberhardt. Durch zusätzliche neue Immuntherapien bestehe die Hoffnung, dass bald mehr als 50 Prozent der Patienten mit lokal fortgeschrittenem Lungenkrebs geheilt werden könnten.

Mit den Ergebnissen aus Molekulardiagnosen und zielgerichteten Therapien hofft man zudem, unkontrolliertes Zellwachstum unterbinden zu können. Ziel ist es dabei, bestimmte Mutationen in den Tumorzellen ausfindig zu machen, die den Einsatz spezifisch wirksamer Medikamente ermöglichen. "Wir finden bei immerhin schon jedem vierten Patienten Tumoren mit solchen Merkmalen", so Pirker.

Bei zwölf Prozent der Patienten handelt es sich dabei um Veränderungen im sogenannten Epidermal Growth Factor Receptor (EGFR). Über diese Proteine gelangen wachstumsfördernde Botenstoffe ins Zellinnere, die nicht nur das Zellwachstum stimulieren, sondern auch den natürlichen Zelltod verhindern. Durch die Verabreichung sogenannter Tyrosinkinasehemmer lässt sich das Andocken und Eindringen dieser Botenstoffe verhindern. "Damit gelingt es in 60 Prozent, der für eine solche Behandlung in Frage kommender Fälle, das Fortschreiten der Erkrankung für zumindest ein Jahr hinauszuschieben", fasst Pirker zusammen. (eb/eis)

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