Ärzte Zeitung online, 21.12.2018

In 20 Jahren

Die Ausrottung des Zervixkarzinoms ist keine Utopie mehr

Ein großer Traum kann zumindest in Australien bald wahr werden: die Ausrottung von Zervixkrebs. Dieses Ziel könnte bei weiterhin hoher HPV-Impf- und HPV-Screening-Beteiligung bereits innerhalb der nächsten 20 Jahre erreicht werden.

Von Ingrid Kreutz

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Impfung: Vielen Mädchen fehlt der HPV-Schutz und damit auch der Schutz vor Zervixkrebs.

© Mathias Ernert, Arztpraxis Dr. Peter Schmidt

Genauso haben es sich die Wissenschaftler wohl vorgestellt, als sie vor vielen Jahren mit der Entwicklung eines Impfstoffs gegen humane Papillomviren (HPV) begannen: Alle Mädchen und Jungen werden möglichst vor dem ersten Geschlechtsverkehr gegen HPV-Hochrisiko-Typen geimpft, und das Zervixkarzinom, welches diese Viren auslösen, verschwindet irgendwann. Impfstoffe gegen HPV sind inzwischen längst verfügbar.

Aber es erkranken immer noch viele Frauen an Zervixkrebs. In Australien, wo bereits im Jahr 2007 ein nationales Impfprogramm gegen HPV (NHVP) und Ende 2017 ein HPV-Screening-Programm zusätzlich zur zytologischen Untersuchung gestartet worden ist, könnte dieser Albtraum vielleicht bald vorbei sein.

Bereits jetzt gehören die Inzidenz- und Mortalitätsraten des Zervixkarzinoms in Australien zu den niedrigsten in der Welt. Laut Modellrechnungen australischer Wissenschaftler um Michaela T. Hall, Cancer Council New South Wales in Sydney, ließe sich die alterstandardisierte jährliche Inzidenz des Zervixkarzinoms in Australien von derzeit 7 Krankheitsfällen pro 100.000 Frauen auf weniger als 6 neue Fälle pro 100.000 bis zum Jahre 2020 und weniger als 4 Fälle bis 2028 senken (The Lancet Public Health 2018; online 2. Oktober).

Zu diesem Zeitpunkt könnte der Krebs dann bereits als ausgerottet gelten, falls der Schwellenwert dafür auf 4 Fälle pro 100  000 Frauen pro Jahr festgesetzt werde, so die Forscher. Zum Vergleich: Im Jahr 2012 lag die weltweite durchschnittliche Inzidenz des Zervixkarzinoms bei 14 Fällen pro 100.000 Frauen. In Deutschland lag sie laut RKI 2014 bei 9 Fällen pro 100.000 Frauen. Das sind immerhin 4540 Neuerkrankungen pro Jahr. Bis 2066 könnte die Inzidenz in Australien sogar bis auf weniger als 1 Fall pro 100.000 Frauen fallen.

Hohe Impfraten werden vorausgesetzt

Um diese ehrgeizigen Ziele zu erreichen, setzen die Forscher einiges voraus: Sie gehen davon davon aus, dass seit 2018, wie im NHVP-Impfprogramm vorgesehen, mit einer nonavalenten Vakzine geimpft wird, die vor 9 HPV-Typen (HPV 6, 11, 16, 18, 31, 33, 45, 52 und 58) schützt. 82 Prozent der Mädchen und 76 Prozent der Jungen im Alter von 12 Jahren sollen damit geimpft sein.

Bei der Modellrechnung geht man außerdem davon aus, dass die Impfung der Mädchen mit dem älteren quadrivalenten Impfstoff (gegen HPV 6, 11, 16 und 18) bereits 2007 begonnen hat und dass außerdem auch Mädchen und Frauen im Alter zwischen 12 und 26 Jahren bis zum Jahr 2009 im Rahmen des Auffangprogramms geimpft worden sind und 12-jährige Mädchen weiterhin geimpft wurden.

Außerdem sollen Jungen seit 2013 mit dem Vierfach-Impfstoff und Jungen im Alter von 14 bis 15 Jahre im Auffangprogramm bis Ende 2014 geimpft worden sein, und danach weiterhin Jungen im Alter von 12 Jahren. Außerdem gehen die Forscher davon aus, dass die Impfung zu 100 Prozent vor Infektionen mit denjenigen HPV-Typen schützt, gegen die sich die Vakzine richtet, und dass dieser Schutz lebenslang anhält.

Der größte Erfolg ließe sich erzielen, wenn zusätzlich zum derzeitigen Impfprogramm mit dem nonavalenten Impfstoff auch das seit Ende 2017 bestehende HPV-basierte Screening-Programm zum Aufspüren von Krebsvorstufen beibehalten wird. Dann würde die Zervixkrebs-Inzidenz bis zum Jahr 2100 nur noch 0,57 Fälle pro 100.000 Frauen betragen.

Würde bei den Frauen, die bereits mit dem nonavalenten Impfstoff geimpft wurden, auf das Früherkennungsprogramm (alle 5 Jahre bei Frauen im Alter von 25-69 Jahren) verzichtet, würde die Zervixkrebs-Inzidenz 2,3 Fälle pro 100.000 Frauen betragen. Studien hätten ergeben, dass dieses kombinierte Vorgehen aber nicht kosteneffektiv sei, so die Forscher. Daher werde das HPV-Screening bei Frauen, die bereits den nonavalenten Impfstoff erhalten haben, künftig möglicherweise eingeschränkt.

Schlechte Impfraten in Deutschland

In Deutschland dürfte die Ausrottung des Zervixkarzinoms noch in weiter Ferne liegen, wenn die derzeitigen Impfquoten nicht bald deutlich steigen. So waren nach einer Analyse der STIKO Ende 2016 nur 31 Prozent der 15-jährigen Mädchen vollständig gegen HPV geimpft, bei den 17-Jährigen waren es 43 Prozent.

Seit Sommer dieses Jahres sollen auch alle Jungen im Alter von 9 bis 14 Jahren gegen HPV geschützt werden. Zu einer Nachholimpfung wird bis zum Alter von 17 Jahren geraten (Epidemiologisches Bulletin; Nr. 34/2018).

Auch mit dem HPV-Screening hapert es noch in Deutschland. Das soll sich aber bald ändern. Ein neues Konzept für eine organisierte Früherkennung auf Gebärmutterhalskrebs ist bereits beschlossen und soll ab dem 1. Januar 2020 umgesetzt werden. Dann werden die ersten Informationsschreiben zur Teilnahme von den gesetzlichen Krankenkassen versendet. Danach sollen Frauen im Alter von 20 bis 65 Jahren alle fünf Jahre angeschrieben und über die Möglichkeit zur Teilnahme am Krebsfrüherkennungsprogramm informiert werden, teilt der GBA mit.

Hierbei wird es altersabhängige Untersuchungsangebote geben. So wird etwa Frauen ab dem Alter von 35 Jahren – statt der derzeitigen jährlichen zytologischen Untersuchung – zukünftig alle drei Jahre eine Kombinationsuntersuchung (Ko-Testung), bestehend aus Pap- Abstrich und HPV-Test, angeboten.

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[21.12.2018, 17:54:03]
Dr. Johann Haslberger 
Utopie bleiben
Die Ausrottung des Zervixcarcinoms wird Utopie bleiben, da nicht immer ein HPV Virus Ursache dafür ist. Es lassen sich auch nicht alle impfen, so daß immer wieder Carcinome auftreten werden. zum Beitrag »

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