Ärzte Zeitung online, 16.09.2011

UV-Strahlung: Lebenswichtig, doch zu viel tötet

"200 Meter bis zur Vitamin D-Tankstelle" - mit solchen Slogans werben manche Solarien um Kunden. Tatsächlich ist ein gewisses Maß an UV-Strahlung für die Vitamin D-Synthese unerlässlich. Am Sonnenschutzfaktor sollte deswegen aber nicht gespart werden.

UV-Strahlung: Lebenswichtig, doch zu viel tötet

Eine Frau liegt auf der Sonnenbank: Viele junge Menschen streben es an, eine braune Haut zu haben.

© wibaimages / fotolia.com

Philipp Grätzel von Grätz

BERLIN. Wie wichtig das Vitamin D für die menschliche Gesundheit ist, wurde in den vergangenen Jahren zunehmend mit Forschungsergebnissen belegt.

Über Vitamin D freuen sich nicht nur die Knochen. Auch die Blutgefäße und das Immunsystem funktionieren besser, wenn sie genug Vitamin D abbekommen.

Was liegt da näher, als der bekanntlich in der Haut stattfindenden Vitamin-D-Synthese per Sonnenbank ein wenig auf die Sprünge zu helfen?

Evolution hat helle Hauttypen bevorzugt

Professor Christian Surber, Experte für Dermatopharmakologie an der Universität Basel, hält das für keine besonders gute Idee.

"Als der Mensch die Äquatorialregionen verlassen hat, wurden helle Hauttypen von der Evolution begünstigt, weil sie mehr Vitamin-D-Synthese ermöglichen", so Surber.

Der Preis, den die Natur für diese Anpassung bezahlt hat, ist eine höhere Anfälligkeit für Hautkrebs. Dass Menschen die Vitamin-D-Synthese mittels UV-Lampen künstlich ankurbeln, war dagegen im Evolutionsprozess nicht vorgesehen.

Die helle Haut als optimale Anpassung an lichtärmere Regionen wird dadurch gewissermaßen überstrapaziert.

Höherer Lichtschutzfaktor schützt besser

Diskussionen um den besten Lichtschutzfaktor, die mit Verweis auf die Vitamin-D-Synthese geführt werden, hält Surber für völlig verfehlt: "Es ist ein Missverständnis zu glauben, dass der Einsatz eines Lichtschutzfaktors von 50 nur wenig Mehrwert gegenüber einem Lichtschutzfaktor von 20 oder 30 bringe."

Zwar blocke eine Sonnencreme mit LSF 15 bereits 93,3 Prozent des UV-Lichts ab. Bei einer Creme mit LSF 30 sind es 96,7 Prozent, und bei einer Creme mit LSF 50 98,3 Prozent.

Die wenigen Prozent Differenz machten für die Haut aber einen deutlichen Unterschied, so Surber.

Der Sprung von LSF 30 auf LSF 50 bedeutet beispielsweise, dass von dem verbleibenden UV-Licht noch einmal fast die Hälfte von der Haut ferngehalten wird. Anders ausgedrückt: Der Schutz ist doppelt so gut.

UV-Strahlen können in jedem Lebensalter schaden

Eine weitere häufig zu vernehmende Legende im Zusammenhang mit UV-Licht sei, dass der Mensch bis zum 18. Lebensjahr bereits 80 Prozent der Lebensdosis an UV-Strahlung abbekommen habe, das UV-Kind also praktisch schon in den Brunnen gefallen sei.

Diese Zahl basiere auf einer Fehlinterpretation von Forschungsdaten aus dem Jahr 1986, die seither ständig medial reproduziert werde, so Surber.

Tatsächlich nehme die kumulative UV-Exposition mehr oder weniger linear mit dem Lebensalter zu. "Neue Daten zeigen sogar, dass im Seniorenalter die UV-Exposition noch einmal stark ansteigt", so Surber.

Sie ist dann ähnlich hoch wie bei Straßenarbeitern, was vor allem mit dem Freizeitverhalten im Rentenalter zu tun hat.

Individueller Hautschutz in allen Altersgruppen wichtig

Ein angemessener, am individuellen Hauttyp ausgerichteter Sonnenschutz sei deswegen für alle Altersstufen unentbehrlich, so Surber bei einer Veranstaltung aus Anlass des ersten europaweiten "Tag des hellen Hautkrebs" am 13. September.

Die Deutschen sind in dieser Hinsicht im Mittelfeld. Länder wie Israel, Australien aber auch die USA liegen im internationalen Vergleich beim Einsatz von Sonnencreme an der Spitze.

In Deutschland betrieben etwa 23 Prozent der Menschen einen optimalen Sonnenschutz und 47 Prozent einen zumindest regelmäßigen.

Noch immer Kult um braune Haut

Der Kult um die braune Haut ist in Deutschland noch immer nicht vorbei, auch das zeigen aktuelle Daten. In einer Befragung gaben 71 Prozent der 18- bis 24-Jährigen an, dass die Bräunung der Haut im Urlaub erwünscht sei oder sogar das Hauptziel des Urlaubs bilde.

Bei den 25- bis 44-Jährigen sind es immer noch 63 Prozent. Erst nach dem 55. Lebensjahr wird die Bräunung im Urlaub von der Mehrheit der Befragten nicht mehr als erstrebenswert erachtet.

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