Ärzte Zeitung online, 02.07.2009

Hodenkrebs darf kein Tabu sein: Jungen früh zur Selbstuntersuchung anhalten

HAMBURG (eb). Schamgefühl ist fehl am Platz: Mit etwa 4750 Neuerkrankungen jährlich ist Hodenkrebs in Deutschland der häufigste bösartige Tumor bei jungen Männern, Tendenz steigend. Die meisten Fälle treten im Alter zwischen 25 und 45 Jahren auf. Eine gesetzliche Früherkennungsuntersuchung gibt es nicht. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Eltern ihre Söhne frühzeitig zu einer regelmäßigen Selbstuntersuchung anhalten.

Ganz besonders gilt das, so die Deutsche Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU), für junge Männer, die im Kindesalter an Hodenhochstand litten und dadurch ein höheres Risiko haben, an Hodenkrebs zu erkranken. Damit die Eigenuntersuchung nicht zum Tabuthema gerät, ist es ratsam, dass Eltern rechtzeitig das Gespräch mit ihren Söhnen suchen. Weder falsche Scham, noch übertriebene Ängste sind angebracht. Es geht um Aufklärung, damit Jungen - anders als ein großer Teil der Generation ihrer Väter - einen verantwortlichen Umgang mit Ihrer Gesundheit erlernen können.

"Unter 15 Jahren ist der bösartige Hodentumor sehr selten. Wann Jungen mit der Selbstuntersuchung beginnen sollten, hängt sehr vom Entwicklungsstand der Kinder ab. Normalerweise ist ein Alter von 14 Jahren vernünftig", sagt DGU-Präsident Professor Manfred Wirth, Direktor der Klinik und Poliklinik für Urologie an der TU Dresden. Das Procedere ist unkompliziert: "Man sollte regelmäßig alle vier Wochen die Hoden abtasten und dabei auf Verhärtungen und Vergrößerungen achten."

Da Hodenhochstand im Kindesalter als gesicherter Risikofaktor für Hodenkrebs gilt, ist es besonders wichtig, dass die betroffenen jungen Männer über dieses erhöhte Risiko informiert sind.

Auch das sollten Männer wissen, um verbreiteten Ängsten zu begegnen: Hodenkrebs hat eine Heilungsrate von nahezu 100 Prozent. "Selbst bei bereits metastasierten Tumoren haben die Patienten bei einer leitliniengerechten Behandlung noch eine gute bis exzellente Heilungschance", so Wirth. Impotenz in Folge einer Hodenkrebserkrankung müssen Männer heute nicht mehr fürchten.

Der DGU-Präsident: "Eine Impotenz ist bei Hodenkrebs nicht zu erwarten. Hormone kann man, wenn nötig, gut substituieren." Möglicher Unfruchtbarkeit lässt sich sicher mit der sogenannten Kryokonservierung, also dem Einfrieren vor einer Operation gewonnener Spermien vorbeugen. Das ist in vielen Fällen sinnvoll, denn Sterilität kann nicht nur bei beidseitigen Erkrankungen und ausgedehnter Chemotherapie entstehen, sondern auch bei niedrig dosierter Chemotherapie in Abhängigkeit von der individuellen Empfindlichkeit, etwa bei zuvor bestehender eingeschränkter Fruchtbarkeit. Außerdem kann es durch die Strahlentherapie, die Entfernung von Lymphknoten und die operative Entfernung eines Tumorrestes nach einer Chemotherapie beispielsweise durch eine Ejakulationsstörung zur Unfruchtbarkeit kommen.

Bei psychischen Problemen aufgrund des Verlustes des Hodens können Hodenprothesen eingesetzt werden. Diese sind medizinisch unbedenklich. "Gerade wegen der sehr guten Behandlungsmöglichkeiten, sollten wir alles daransetzen, damit Hodenkrebs bei unseren Söhnen kein Tabuthema wird, denn je früher eine mögliche Behandlung einsetzt, umso weniger belastend ist sie für die Betroffenen!", appelliert Wirth.

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