Ärzte Zeitung, 01.03.2010

Darmkrebs-Vorsorge: Schnittstelle ist der Hausarzt, vielleicht bald mit einer Assistentin

Dr. Christa Maar ist mit der Burda-Stiftung seit Jahren für Darmkrebsprävention aktiv. Im Interview erläutert sie zum Start des Darmkrebsmonats Fortschritte der Kampagne.

Darmkrebs-Vorsorge: Schnittstelle ist der Hausarzt, vielleicht bald mit einer Assistentin

Dr. Christa Maar.

Ärzte Zeitung: Was tut sich 2010 in der Darmkrebs-Vorsorge?

Maar: Zusammen mit Herrn Professor Riemann engagiert sich die Felix Burda Stiftung für ein Einladungsverfahren zum Darmkrebs-Screening. Basis sind die europäischen Leitlinien, die es ja für Zervix- und Brustkrebs bereits gibt. An der für Darmkrebs wurde zwei Jahre gearbeitet, jetzt dauert es nur noch wenige Monate, bis es so weit ist. Allerdings muss zuvor in Deutschland der Datenschutz einheitlich sein. Deshalb hat sich schon das Einladungsverfahren fürs Brustkrebs-Screening so hingezogen, weil die Datenschützer aus 16 Bundesländern mit 16 unterschiedlichen Regelungen ankamen.

Ärzte Zeitung: Eine Petition zum Einladungsverfahren hat zu wenige Stimmen erhalten. Ist das nicht entmutigend?

Maar: Nein, nein, das war nur ein begleitender Versuch, das Einladungsverfahren wird kommen, so oder so. Eine Petition wäre eine Möglichkeit gewesen, das Thema bei den Abgeordneten noch stärker in den Vordergrund zu spielen.

Ärzte Zeitung: Die Früherkennung für Risikogruppen ist noch eine Grauzone. Wie steht's mit dem Ziel, mehr Klarheit zu schaffen?

Maar: Auf unsere Initiative hin haben KBV und AOK-Bundesverband beim G-BA beantragt, diese Gruppen in die Krebsfrüherkennungsrichtlinie aufzunehmen. Demnach sollen Menschen mit Darmkrebs in der Familie zehn Jahre früher mit dem Screening beginnen, weil sie im Schnitt zehn Jahre früher erkranken, und Menschen mit erblichem Risiko im Alter von 25. Demnächst wird ein Fragebogen zur Ermittlung eines erhöhten Risikos in einer Region evaluiert, im Gespräch sind Essen und Erlangen. Begleitet wird der Antrag von einem Gutachten der Professoren Katalinic und Raspe, die nach Sichten der Literatur den Nutzen bezeugen.

Ärzte Zeitung: Voriges Jahr hat die Felix Burda Stiftung in New York das Transatlantische Symposium veranstaltet, um die Darmkrebs-Vorsorge hier wie dort zu fördern. Mit welchem Erfolg?

Maar: Das Bemühen um Unterstützung durch die EU hat die Leitlinien vorangebracht. Die EU hat Interesse an Standards, um die unterschiedliche Lebenserwartung bei Darmkrebs in den einzelnen Ländern auszugleichen. Weiterhin haben sich wichtige Impulse und ein reger Austausch ergeben. In den USA etwa ist ein Einladungsverfahren nicht vorstellbar, dafür gibt es dort hervorragende praktische Projekte. In New York etwa führt ein "patient navigator" die Patienten durch die Darmkrebs-Vorsorge. Assistenten machen Termine und erklären das Vorgehen auf Augenhöhe. Mittlerweile steuert man dort auf eine 60-prozentige Beteiligung bei der Koloskopie zu - wirklich ein Vorbild für Europa.

Eine weitere Folge des Symposiums war, dass zu einer Konferenz in Israel über familiäres und erbliches Risiko außer den US- auch wichtige europäische Experten eingeladen wurden. Der Leiter des Verbundprojekts der Deutschen Krebshilfe hat beeindruckende Daten zum erblichen Darmkrebsrisiko präsentiert.

Zudem sind wir dabei, ein kleines europäisches Netzwerk zu praktischen Fragen aufzubauen: Wie betreiben andere Länder Vorsorge für Risikogruppen? Wie identifizieren sie die Menschen, wie integrieren sie die Prävention bei dieser Gruppe in den Praxisalltag, wie und wann sprechen Ärzte Patienten an, wie dokumentieren sie das, wie rechnen sie ab?

Ärzte Zeitung: Viele Studien belegen, wie entscheidend der Rat des Hausarztes für die Teilnahme an den Reihenuntersuchungen ist ...

Maar: Der Hausarzt hat den höchsten Stellenwert für die Vorsorge, ob Lebensstiländerungen, Diabetes, Bluthochdruck oder eben Krebs. Er bildet die Schnittstelle, hat aber wenig Zeit. Eine Lösung wäre vielleicht eine andere Organisation: eine speziell für Prävention ausgebildete Helferin.

Ärzte Zeitung: Gibt es Bestrebungen, die Apotheker besser einzubinden?

Maar: Ja, wir haben beispielsweise im Auftrag des WIPIG-Netzwerks für die Zusatzausbildung zum Präventionsmanager einen Film über Koloskopie gedreht und Materialien zum familiären Risiko bereitgestellt.

Ärzte Zeitung: Und wie sieht die Zukunft beim Screening aus?

Maar: Sie liegt in einem Mix aus Möglichkeiten, denn bei der Koloskopie wird stets die Akzeptanz Probleme bereiten. Und sicher wird gemäß dem Nationalen Krebsplan der alte Test auf okkultes Blut im Stuhl durch die inzwischen gut geprüften immunologischen Verfahren abgelöst. Ein Manko sind noch die Unterschiede bei Sensitivität und Spezifität. Damit aber der G-BA entscheiden kann, muss bei irgendeinem Wert der Schnitt erfolgen, müssen alle Tests vergleichbar sein.

Die Zukunft wird jedoch den Serumtests gehören, der erste ist ja auf dem Markt. Er erkennt bis zu 70 Prozent der Karzinome, das reicht für die Vorsorge noch nicht, denn auch Adenome müssen auffindbar sein, mehrere Firmen arbeiten daran. 
Das Interview führte Angela Speth.

Zur Person: Dr. Christa Maar
Dr. Christa Maar hat 2001 mit ihrem früheren Mann Hubert Burda die Felix Burda Stiftung gegründet, die sich im Andenken an ihren Sohn für die Darmkrebsvorsorge einsetzt und jährlich den "Darmkrebsmonat März" organisiert. Zudem ist sie Präsidentin der Burda Akademie zum Dritten Jahrtausend und des Netzwerks gegen Darmkrebs. 2005 wurde sie für ihr Lebenswerk mit dem Verdienstkreuz am Bande geehrt. (ars)

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