Ärzte Zeitung online, 02.08.2010

Myxobakterien liefern neuen Wirkstoff zur Darmkrebstherapie

HANNOVER (eb). Forscher der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) haben eine Substanz aus Bakterien identifiziert, die Darmtumoren bekämpft. Derzeit läuft das Zulassungsverfahren, um den Wirkstoff in Zukunft als Medikament einsetzen zu können.

Um eine gezielte Therapie gegen Darmkrebs zu finden, hat das Team um Professor Dr. Nisar Malek von der MHH rund 200 Naturstoffe und mehrere Tausend synthetische Substanzen getestet. Im Experiment fiel Argyrin, ein Protein aus Myxobakterien, besonders auf. "Myxobakterien haben sich bereits als wahre Fundgrube für mögliche Medikamente gezeigt, beispielsweise gegen Brustkrebs", betont Malek in einer Mitteilung der Deutschen Krebshilfe. "Von Argyrin war jedoch bisher nur bekannt, dass es das Immunsystem hemmt."

Nach den neuen Erkenntnissen der Forscher kann dieser Wirkstoff aber auch in der Krebstherapie eingesetzt werden: Er stoppt das Tumorwachstum und löst das Signal zur Apoptose, dem freiwilligen Selbstmord, der Krebszellen aus.

Argyrin greift in den fein abgestimmten Mechanismus der Zellteilung ein, der durch das Protein p27 gesteuert wird. p27 ist in allen gesunden Zellen vorhanden und wirkt als Zellteilungsbremse. In vielen Tumorzellen ist dies anders: Die bösartig veränderte Zelle bekommt das Signal, p27 abzubauen. Damit ist die Bremse gelöst und die Zelle teilt sich unaufhörlich. "Die Überlebensraten von Krebs-Patienten sind besonders schlecht, wenn in ihren Krebszellen wenig oder kein p27 vorzufinden ist", sagt Malek.

Der Wissenschaftler hat diesen Zusammenhang bei Patienten mit Dickdarm-, Eierstock-, Prostata-, Blasen- und Speiseröhrenkrebs beobachtet. "Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass der Abbau von p27 insbesondere beim Entstehen von Darmkrebs sehr bedeutend ist. Im Vergleich zur standardmäßig eingesetzten Chemotherapie hat Argyrin deutlich geringere Nebenwirkungen", so Malek. "Es löst beispielsweise keine Durchfälle aus." Ein weiterer Vorteil ist, dass Argyrin gezielt die Blutgefäße angreift, die einen Tumor versorgen. Diese Wirkung ist neu: Bisher gibt es nur Medikamente, die verhindern, dass neue Blutgefäße im Tumor gebildet werden. Die Ergebnisse werden Krebs-Patienten schon bald zu Gute kommen, denn Argyrin wurde kürzlich zum Patent angemeldet. Derzeit läuft das Zulassungsverfahren für den therapeutischen Einsatz.

Mit insgesamt 664 000 Euro hat die Deutsche Krebshilfe dieses Projekt über fünf Jahre unterstützt.

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