Ärzte Zeitung online, 07.06.2017

Krebsvorsorge

Koloskopien könnten noch mehr Leben retten

Mit Koloskopien wurden in Deutschland zwischen 2008 und 2011 vermutlich mehr als 25.000 Todesfälle durch Darmkrebs verhindert, ergab eine Analyse. Würde die Vorsorge besser genutzt, gäbe es noch viel weniger Darmkrebs-Tote.

Koloskopien könnten noch mehr Leben retten

Darmkrebs im Modell: Neue immunologische Tests verbessern die Vorsorge.

© Anatomy Insider / stock.adobe.co

HEIDELBERG. Darmkrebs ist in westlichen Industriestaaten eine der häufigsten Krebsformen, allein in Deutschland sterben jedes Jahr über 25.000 Menschen daran. Eine Koloskopie kann die Erkrankung verhindern: Polypen, aus denen später möglicherweise bösartige Tumoren hervorgehen, werden bei der Untersuchung direkt entfernt. Alle gesetzlich Versicherten haben in Deutschland ab dem Alter von 55 Jahren im Rahmen der Krebsfrüherkennung einen Anspruch auf eine Vorsorge-Darmspiegelung.

Jüngere Studien zeigen, dass seit dem Beginn des Screenings im Jahr 2002 die Zahl der Neuerkrankungen bei den über 55-Jährigen rückläufig ist. Wissenschaftler um Professor Hermann Brenner im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) ermittelten nun den Einfluss der Koloskopie auf die Zahl der Todesfälle durch Darmkrebs (Gastrointestinal Endoscopy 2017; online 14. April).

Gute Angebote zur Darmspiegelung

Die Epidemiologen berechneten dazu Daten für den Zeitraum von 2008 bis 2011 sowohl für Deutschland als auch für die USA, wo es seit 1998 ebenfalls ein Angebot zur Vorsorge-Koloskopie gibt, berichtet das DKFZ in einer Mitteilung. "In beiden Ländern stehen inzwischen ausreichend hoch qualifizierte Angebote für die Darmspiegelung zur Verfügung", wird Brenner in der Mitteilung zitiert. "Jedoch wird das Potenzial der Untersuchung bei der Vorsorge noch längst nicht voll ausgeschöpft."

In Deutschland hatten sich 55 Prozent der 55- bis 79-Jährigen in den vorangegangenen zehn Jahren zur Vorsorge oder zur diagnostischen Abklärung einer Darmspiegelung unterzogen. In den USA waren es bis zu 60 Prozent. "Ohne die Darmspiegelung wären in der betreffenden Altersgruppe etwa 30 Prozent mehr Menschen an Darmkrebs gestorben", erläutert Brenner. "Wenn zudem tatsächlich alle Personen dieses Alters die Koloskopie in Anspruch genommen hätten, wäre die Zahl der Darmkrebs-Sterbefälle um etwa 37 Prozent niedriger gewesen." Für die USA errechneten die Wissenschaftler ähnliche Werte (38,2 Prozent für 2008/2009 und 33,6 Prozent für 2010/2011).

Das Risiko, an Darmkrebs zu sterben, steigt bis ins hohe Alter kontinuierlich an. Deshalb ist in der Gruppe der 70- bis 79-Jährigen sowohl die Zahl der potenziell vermeidbaren Todesfälle als auch die der tatsächlich durch die Koloskopie vermiedenen Fälle am höchsten. Unter den 55- bis 59-Jährigen hingegen treten zwar deutlich weniger Darmkrebsfälle auf, da aber in dieser Altersgruppe seltener eine Koloskopie durchgeführt wurde (46 Prozent), konnte die Untersuchung hier auch nur etwa jeden vierten Todesfall verhindern.

Hermann Brenner und sein Team konnten bereits im Rahmen früherer Analysen zeigen, dass aufgrund hoher Qualitätsstandards der Schutzeffekt der Vorsorge-Koloskopie in Deutschland sehr hoch ist. Seit dem 1. April 2017 können gesetzlich Versicherte nun auch einen neuen immunologischen Test auf verborgenes Blut im Stuhl nutzen, der den herkömmlichen chemischen Test ablöst und das Angebot zur Vorsorge noch einmal deutlich verbessert.

Noch kein Einladungs-Programm

"Bei konsequenter Nutzung der Vorsorgeangebote könnten in den nächsten Jahren Zehntausende von Todesfällen an Darmkrebs vermieden werden", betont Brenner. Dies könne am besten durch ein organisiertes Vorsorgeprogramm mit gezielter Einladung der Anspruchsberechtigten erreicht werden. Die bundesweite Einführung eines solchen Programms wird seit Jahren im Nationalen Krebsplan und im Krebsfrüherkennungs- und -registergesetz gefordert, steht aber weiterhin noch aus. (eb)

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