Ärzte Zeitung online, 09.04.2018

Genetisches Risikoprofil

Auf dem Weg zur personalisierten Darmkrebsvorsorge

Mit einem Bluttest könnte in Zukunft das Risiko für Darmkrebs individuell bestimmt und ein dem Risiko angepasstes Alter für den Beginn der Vorsorge empfohlen werden. Das haben Wissenschaftler des DKFZ herausgefunden.

Auf dem Weg zur personalisierten Darmkrebsvorsorge

Über eine Suche nach SNPs lässt sich das individuelle Risikoprofil für Darmkrebs bestimmen.

© science photo/stock.adobe.com

HEIDELBERG. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) haben einen Weg gefunden, um das Auftreten von klinisch relevanten Darmkrebsvorstufen anhand einer Blutprobe zu prognostizieren.

Bei über 1000 Menschen, die eine Vorsorge-Koloskopie wahrgenommen hatten, fahndeten sie nach winzigen Varianten im Erbgut (Einzelnukleotid-Polymorphismen, abgekürzt SNPs), die mit dem Auftreten von Darmkrebs in Verbindung stehen. Jede Variante für sich habe nur eine geringe Aussagekraft – zusammengenommen könnten sie aber helfen, das Erkrankungsrisiko sehr viel besser einzuschätzen (Gastroenterology 2018, online 22. März).

Vorsorge-Termin per Testergebnis

"Zusammen bilden diese Marker eine deutlich verbesserte Grundlage für eine personalisierte, das heißt dem persönlichen Risiko angemessene Darmkrebs-Vorsorge", wird Hermann Brenner vom Deutschen Krebsforschungszentrum in einer Mitteilung des DKFZ zitiert.

Die Teilnehmer der Studie wurden anhand des genetischen Profils in drei Risikogruppen (niedrig, mittel und hoch) eingeordnet.

"Die Ergebnisse zeigen, dass bei Menschen mit dem genetischen Hochrisiko-Profil die Wahrscheinlichkeit, bei einer Vorsorge-Koloskopie Darmkrebs oder fortgeschrittene Krebsvorstufen zu entdecken, fast dreimal so hoch ist wie bei Personen mit dem günstigsten Risikoprofil", so Korbinian Weigl, der Erstautor der Studie, in der Mitteilung.

Aus den Ergebnissen ließen sich auch Rückschlüsse ableiten, in welchem Alter jeder einzelne mit der Darmkrebs-Vorsorge beginnen sollte. Bislang wird die Vorsorge einheitlich ab einem Alter von 50 Jahren angeboten und empfohlen.

Die Heidelberger Epidemiologen halten es dagegen für sinnvoll, bei Menschen mit hohem Risikoprofil bereits einige Jahre früher mit der Vorsorge zu beginnen, bei Personen mit günstigem Risikoprofil könnte es ausreichen, zehn oder mehr Jahre später zu starten.

Keine Störung durch Polypen

Die Forscher hätten darüber hinaus festgestellt, dass das genetische Risikoprofil spezifisch das Vorliegen von fortgeschrittenen Krebsvorstufen beziehungsweise von Darmkrebs vorhersage. Einen Zusammenhang mit dem Auftreten harmloser Polypen gebe es nicht.

Deren Auftreten scheint eher von Umwelteinflüssen als von genetischen Faktoren abhängig zu sein, vermuten die Forscher. Für die Risikovorhersage seien sie nicht so entscheidend wie die fortgeschrittenen Vorstufen, da sie noch sehr weit von wirklichen Krebsstadien entfernt seien und in den meisten Fällen auch nicht zu einem bösartigen Darmtumor heranwüchsen.

"Mit einer Einteilung in Risikogruppen könnten Ärzte in Zukunft bessere Empfehlungen geben, in welchem Alter jeder einzelne mit der Darmkrebs-Früherkennung beginnen sollte. Damit ließen sich sowohl viele unnötige Darmkrebserkrankungen bei jüngeren Menschen mit hohem Risiko als auch viele unnötig frühe Vorsorgeuntersuchungen bei jüngeren Menschen mit niedrigem Erkrankungsrisiko vermeiden", so Brenner in der Mitteilung.

Die Epidemiologen um Brenner planen nun, ihre Risikovorhersage noch weiter zu verfeinern. Dazu sollen in Kürze die Daten von 2000 weiteren Studienteilnehmern ausgewertet werden, um die Aufteilung in Risikogruppen weiter zu differenzieren.

Darmkrebs ist dem DKFZ zufolge zur Zeit bei Männern die dritthäufigste, bei Frauen die zweithäufigste Tumorerkrankung in Deutschland. Vorsorgeuntersuchungen werden seit 2002 für alle Versicherten über 55 Jahren von den Krankenkassen übernommen. (eb)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

"Telemedizin ist für uns Landärzte die Zukunft"

Geringes Honorar, hoher Aufwand und auf bestimmte Diagnosen begrenzt – trotzdem setzen einige Ärzte auf die Videosprechstunde. Und das aus vielerlei Gründen. mehr »

Was 100-Jährige von anderen unterscheidet

100-Jährige sind oft weniger krank als die Jüngeren. Worauf es ankommt, haben Forscher anhand von Daten von AOK-Versicherten herausgefunden. mehr »

Strategie zur Künstlichen Intelligenz gefasst

Die Bundesregierung will Deutschland fit für die Künstliche Intelligenz machen. Dazu hat das Kabinett jetzt Eckpunkte einer Strategie beschlossen. Gesundheit ist ein zentrales Thema. mehr »