Ärzte Zeitung online, 10.11.2011

Starkes Immunsystem verhindert Krebs

Ein gesundes und leistungsfähiges Immunsystem kann potenzielle Krebsvorläuferzellen in der Leber frühzeitig entdecken und abtöten. Belege dafür haben jetzt deutsche Forscher gefunden - in Studien mit Mäusen und Menschen.

Starkes Immunsystem verhindert Krebs

Eine Krebszelle: Wie Krebs entsteht und welche Rolle dabei das Immunsystem spielt, haben Forscher aus Braunschweig und Hannover untersucht.

© Sebastian Schreiter / Springer Verlag GmbH

BRAUNSCHWEIG (dpa). Zellen, die besonders gefährdet sind, zu Tumorzellen zu entarten - etwa durch chemischen Stress oder radioaktive Strahlung - treten in einen Ruhezustand (Seneszenz).

Das berichten Forscher des Braunschweiger Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) und der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) (Nature 2011; online 9. November).

Durch diese Art Winterschlaf machen sich die Zellen für das Immunsystem in besonderer Weise erkennbar. T-Helferzellen der körpereigenen Abwehr beginnen dann, diese Zellen verschärft zu überwachen und zu beseitigen, bevor Krebs ausbricht.

Diese Leistung könne ein geschwächtes Immunsystem wahrscheinlich nicht in vollem Umfang erbringen, so die Forscher.

Starke Reaktion gegen die Zellen

Der Ruhezustand schütze fehlerhafte Zellen davor, sich unkontrolliert zu vermehren und Tumore zu bilden. "So verhindert der Körper, dass die Zellen sich weiter verändern und doch zu Krebs heranwachsen", erklärte Professor Lars Zender, Leiter der HZI-Forschergruppe Chronische Infektionen und Krebs.

Um den Zusammenhang zwischen Seneszenz, Immunabwehr und Krebsentstehung zu untersuchen, lösten die Forscher das Seneszenz-Programm in Leberzellen von Labormäusen mit molekularbiologischen Methoden aus.

"Wir konnten deutlich sehen, dass das Immunsystem eine starke Reaktion gegen die veränderten Zellen startet", sagte Zender. Nach einigen Wochen seien die veränderten Zellen aus dem Körper entfernt gewesen.

Mechanismus auch in anderen Organen möglich

In Mäusen, die einen Immundefekt und daher keine T-Helferzellen zur Abwehr besitzen, konnten die Forscher beobachten, dass sich die seneszenten Leberzellen zu einem Leberzellkarzinom entwickelten.

"Das zeigt deutlich, wie wichtig die Überwachung der seneszenten Zellen durch das Immunsystem und speziell durch die Helferzellen ist", erklärte Zender.

Ein ähnlicher Mechanismus wie in der Leber könnte auch in anderen Organen eine Schlüsselrolle spielen, vermuten die Forscher.

Viele Jahre bis zu neuen Therapien

Der neu identifizierte Mechanismus biete auch eine Erklärungsmöglichkeit für die Tatsache, dass für HIV-positive Patienten ein erhöhtes Leberkrebs-Risiko besteht.

"Bei HIV-Patienten ist die Immunabwehr durch T-Helferzellen beeinträchtigt, sodass in Lebern von HIV Patienten seneszente Leberzellen wahrscheinlich nicht effektiv entfernt werden können."

Die Autoren der Studie hoffen, dass der neu entdeckte Mechanismus neue Ansätze für die Prävention und Therapie bei Krebserkrankungen ermöglichen wird.

Bis die Erkenntnisse voraussichtlich Niederschlag in der Therapie für Krebskranke finden, wird es allerdings noch viele Jahre dauern.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

So hoch ist die Lebenserwartung in der Welt

Wer als Junge in Deutschland geboren wird, darf sich im Schnitt auf 78 Jahre freuen. Wie hoch ist die Lebenserwartung in anderen Ländern der Welt? Wir geben die Antwort. mehr »

Der Gesundheitsminister will das E-Rezept

Krankenkassen, Ärzte und Apothekerschaft sollen in ihren Rahmenverträgen das elektronische Rezept ermöglichen. Eine gesetzliche Verpflichtung soll bis 2020 stehen. mehr »

Diabetes-Strategie zum Greifen nah

Der gezielte Kampf gegen Diabetes könnte schon bald konkrete Formen annehmen. Zum heutigen Welt-Diabetestag zeichnet sich zwischen Union und SPD ein Kompromiss für eine nationale Diabetes-Strategie ab. mehr »