Ärzte Zeitung online, 03.03.2010
 

Durch den Erfolg in der Krebstherapie wächst der Bedarf an Nachsorge

BERLIN (ugr). Durch die steigende Zahl von Krebspatienten, die noch viele Jahre leben, gibt es einen gewaltigen Versorgungsbedarf, der weit über die Primärtherapie hinausgeht. Der Bedarf an medizinischer Nachsorge, psychoonkologischer Betreuung und Rehabilitation werde noch deutlich zunehmen, sagte Professor Alexander Katalinic aus Lübeck beim 29. Deutschen Krebskongress in Berlin.

Durch den Erfolg in der Krebstherapie wächst der Bedarf an Nachsorge

Der Epidemiologe geht davon aus, dass in Deutschland etwa vier Millionen Menschen leben, die derzeit an Krebs erkrankt sind oder eine Erkrankung hinter sich haben - angesichts besserer Überlebensraten mit weiter steigender Tendenz. "Etwa 20 bis 30 Prozent dieser Langzeitüberlebenden haben somatisch Beeinträchtigungen", sagte Professor Sophie Fossa von der Universitätsklinik in Oslo. Arzneimitteltherapie-bedingte periphere Neuropathien oder muskuläre Atrophien nach einer Radiotherapie seien weit verbreitet. Aber auch Osteoporose, Lymphödeme, Schilddrüsenleiden oder Infertilität treten überdurchschnittlich häufig bei ehemaligen Krebspatienten auf. In einer Langzeituntersuchung hat Fossa bei Patienten mit Morbus Hodgkin darüber hinaus ein mehr als doppelt so hohes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen festgestellt.

Stark ausgeprägt sind die psychischen Beeinträchtigungen nach der Diagnose Krebs: Professor Joachim Weis aus Freiburg geht davon aus, dass 25 bis 30 Prozent der Patienten das Erschöpfungssyndrom Fatigue haben, 25 Prozent psychische Befindlichkeitsstörungen wie Rezidivängste und Depressionen sowie 15 Prozent von kognitiven Leistungseinschränkungen betroffen sind.

Wie die optimale Nachsorge aussehen kann, müsse von Fall zu Fall entschieden werden, betonte Kongresspräsident Professor Wolff Schmiegel: "Auch hier gilt die personalisierte Medizin: Wir wollen nicht alle Patienten zu Dauerpatienten machen, sondern risikoadjustiert herausfiltern, wer über die standardisierten Verfahren hinaus besondere Nachsorgemaßnahmen benötigt." Weis wies auf die Bedeutung von psychosozialen Krebsberatungsstellen und Selbsthilfegruppen hin, die für Patienten oft wichtige Ansprechpartner sind.

Erste Anlaufstelle in der Langzeitversorgung sollten Hausärzte sein, betonte Dr. Stephan Bernhardt aus Berlin. Sie könnten niedergelassenen Onkologen zum Beispiel Routinekontrollen abnehmen. In Norwegen sei dies beinahe schon Normalität, ergänzte Fossa: Hier werden geheilte Morbus-Hodgkin-Patienten alle drei Jahre auf ihr kardiovaskuläres Risiko untersucht - nicht vom Fach-, sondern vom Hausarzt.

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