Ärzte Zeitung online, 26.11.2010

Atommüll-Lager Asse: Erhöhte Leukämierate in der Region

Jüngste Medienberichte sorgen für Aufregung: In der Region um das niedersächsische Atommüll-Lager Asse soll eine erhöhte Leukämierate festgestellt worden sein. Das zuständige Ministerium hat die Zahlen bestätigt, doch sie sind wenig aussagekräftig. Die Behörden warnen vor Übertreibung.

Atommüll-Lager Asse: Erhöhte Leukämierate in der Region?

Kontaminationsmessung im Atommüll-Lager Asse.

© dpa

HANNOVER (eb). In der Region um das Atommüll-Lager Asse ist die Zahl der Leukämie-Erkrankungen in den letzten Jahren offenbar stark gestiegen. Das berichten mehrere Medien, darunter der NDR. Demnach soll die Zahl mehr als doppelt so hoch sein, wie es statistisch erwartbar gewesen wäre.

Der NDR spricht unter Berufung auf das niedersächsische Gesundheitsministerium von zwölf Leukämieerkrankungen, die bei Männern in dem Untersuchungszeitraum festgestellt worden sein. Statistisch erwartbar wären jedoch nur 5,2 Neuerkrankungen gewesen.

Bei den Frauen in der Region habe sich zudem die Erkrankungsrate für bösartige Neubildungen der Schilddrüsen verdreifacht. Auch die Leukämieinzidenz sei bei Frauen erhöht. Zahlen und Referenzwerte werden hierfür allerdings nicht genannt.

In der Bundesrepublik mit rund 82 Millionen Einwohnern erkranken jedes Jahr rund 4800 Männer und 4300 Frauen an Leukämie. Nach den aktuellen Zahlen des Robert Koch-Instituts nahm die Inzidenz bis zur Jahrtausendwende zu, seitdem fällt die Zahl der Neuerkrankungen wieder leicht ab.

Als Auswertungszeitraum für die nun genannten Leukämieerkrankungen in der Region um die Asse nennt der NDR die Jahre 2002 bis 2009. Dafür soll das Epidemiologische Krebsregister Niedersachsen (EKN) die Krankheitshäufigkeiten ausgewertet haben.

Das EKN hat seine Arbeit allerdings erst im Jahr 2003 aufgenommen. Zudem sind in der frei zugänglichen Datenbank auch nur Zahlen für die Jahre 2003 bis 2007 verfügbar. Ein aktueller Bericht des Krebsregisters soll dem NDR zufolge im Dezember veröffentlicht werden.

Ein Ministeriumssprecher erklärt: "Krebs insgesamt liegt für Männer und Frauen im Erwartungsbereich." Ein Zusammenhang mit dem Atommüll-Lager sei nicht bewiesen. Mit dieser Aussage werden die genannten Zahlen denn auch in Zweifel gezogen.

Auch das niedersächsische Landesgesundheitsamt sieht bislang keine schlüssige Erklärung. "Wir wissen um die Häufigkeit, können aber noch keine weitergehenden Analysen zu einzelnen Patienten machen", sagte die Strahlenmedizinerin Dr. Elke Bruns-Philipps.

Tatsächlich lassen die Zahlen des Krebsregisters die genannten Schlüsse nicht automatisch zu, denn sie werden in anonymer Form erhoben. So lässt sich aus den Daten beispielsweise nicht ermitteln, welches persönliche Leukämierisiko die Erkrankten hatten, oder ob sie etwa einer beruflich bedingt höheren Strahlenexposition ausgesetzt sind.

Der Landrat des Landkreises Wolfenbüttel, Jörg Röhmann (SPD), forderte gegenüber dem NDR konkrete Zahlen. Nur so könne man Erkenntnisse über den genauen Wohnort und die berufliche Situation der Betroffenen erfahren.

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) verwies unterdessen auf die bestehenden Überwachungsmaßnahmen der Asse. Diese Messungen hätten ergeben, "dass keine Kontaminationen durch radioaktive Stoffe aus der Asse zu befürchten sind".

Dennoch, so das BfS, müsse den jetzt genannten Verdachtsfällen konsequent nachgegangen werden. Im Vordergrund stehe die Frage, ob es einen Zusammenhang mit dem Betrieb des Endlagers Asse geben könnte.

Eine Sprecherin der Behörde verwies gegenüber der "Ärzte Zeitung" auf das geplante Bevölkerungsmonitoring. Dabei soll eine mögliche Aufnahme von radioaktiven Partikeln und die dadurch erhaltene Organdosis überprüft werden.

Ab dem kommenden Jahr sollen die Bürger der Gemeinde die Untersuchungen kostenlos nutzen können. Geplant ist dem BfS zufolge ein Zeitraum von fünf Jahren. Die Behörde erwartet etwa 100 Teilnehmer pro Jahr. Die Samtgemeinde Asse hat knapp 10 000 Einwohner.

Angeboten werden In-vivo-Untersuchungen in einem Ganzkörperzähler oder In-vitro-Test mittels Urinproben.

Unterdessen sind die von der Bundesregierung geplanten längeren Atomlaufzeiten beschlossene Sache. Im Bundesrat gab es am Freitag nicht die notwendige absolute Mehrheit, um den Vermittlungsausschuss anzurufen. Laut Bundesregierung ist das Gesetz in der Länderkammer nicht zustimmungspflichtig.

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