Ärzte Zeitung online, 17.08.2017
 

Bitterer Tropfen

Zwei Gläser Wein? Das lass lieber sein!

Wer täglich mehr als zwei Gläser Wein oder zwei Flaschen Bier leert, hat ein erhöhtes Risiko, an Magenkrebs zu erkranken. Ob ein kompletter Verzicht allerdings ratsam ist, bereitet Wissenschaftlern Kopfzerbrechen.

Von Beate Schumacher

Zwei Gläser Wein? Das lass lieber sein!

Wohl bekomm's? Wer am Tag viel Alkohol konsumiert, sollte ab und an wohl besser zu einem Glas Wasser greifen.

© funfoto / Fotolia

MAILAND. Alkohol gehört zu den wichtigsten modifizierbaren Risikofaktoren für zahlreiche Krebserkrankungen. Ob allerdings auch das Magenkarzinom zu diesen Krebsarten gehört, wurde bis vor Kurzem bezweifelt.

Noch im Jahr 2009 konstatierte die International Agency for Research on Cancer (IARC), dass "es keine ausreichende Evidenz für eine Rolle von Alkohol bei der Genese von Magenkarzinomen" gebe.

26% höher als bei Abstinenten

lag das Risiko, an einem Magenkarzinom zu erkranken, bei Personen, die vier bis sechs alkoholische Getränke pro Tag konsumierten. Ein alkoholisches Getränk entsprach dabei 0,1 l Wein, vier Getränke also zwei Gläsern mit je 0,2 l Wein.

In den letzten Jahren wurden jedoch Daten veröffentlicht, die das Gegenteil nahelegen. 2016 kam dann der World Cancer Research Fund International zu dem Schluss, dass "ab einem Alkoholkonsum von mehr als drei Drinks pro Tag wahrscheinlich ein erhöhtes Magenkrebsrisiko besteht".

Ein ähnliches Ergebnis zeigt eine jetzt publizierte Analyse des "Stomach cancer Pooling (StoP)"-Projekts (Int J Cancer 2017; online 8. August). Danach ist ab einem täglichen Quantum von mehr als vier alkoholischen Getränken eine signifikant erhöhte Magenkrebsrate festzustellen.

Risikofaktoren untersucht

Im StoP-Projekt werden auf der Basis von Fall-Kontroll-Studien Risikofaktoren für Magenkrebs untersucht. Für den Zusammenhang mit Alkohol standen 20 Studien mit 9669 Magenkarzinompatienten und 25.336 Kontrollpersonen zur Verfügung, die Hälfte von ihnen aus Europa.

Bei einem Tageskonsum von mehr als vier und bis zu sechs Drinks war das Krebsrisiko signifikant erhöht, und zwar um 26 Prozent gegenüber Alkoholabstinenten (95%-Konfidenzintervall 1,08–1,48). Bei mehr als sechs Drinks lag es sogar um 48 Prozent höher (95%- Konfidenzintervall 1,29–1,70).

Ein alkoholisches Getränk enthielt dabei per Definition 12 g Alkohol und entsprach damit etwa 100 ml Wein, 250 ml Bier oder 30 ml Schnaps.

Das alkoholabhängige Risiko war unabhängig von Geschlecht, Alter und sozioökonomischem Status. Bei Menschen, die niemals geraucht hatten, machte es sich jedoch stärker bemerkbar als bei früheren oder aktiven Rauchern (+87 Prozent vs. +64 Prozent bzw. +14 Prozent bei vier bis sechs Drinks).

Dies spricht gegen die Hypothese, dass das Magenkrebsrisiko von starken Trinkern darauf zurückgeht, dass sie oft auch Raucher sind und damit einen etablierten Risikofaktor für diesen Krebs aufweisen.

Kompletter Alkoholverzicht ohne Nutzen?

Für den gefundenen Zusammenhang war es außerdem unerheblich, ob die Studienteilnehmer mit Helicobacter pylori infiziert waren oder nicht. Das deuten die Studienautoren als weiteren Hinweis auf eine von anderen Risikofaktoren unabhängige Rolle des Alkohols bei der Magenkrebsentstehung.

Der Effekt des Alkohols war bei Karzinomen der Kardia deutlicher ausgeprägt als bei Nichtkardiatumoren. Außerdem bestand ein engerer Zusammenhang mit Magenkarzinomen vom intestinalen als vom diffusen Typ. Mit dem Trinken aufzuhören war nicht mit einem messbaren Nutzen verbunden.

In den ersten fünf Jahren des Alkoholverzichts wurde sogar eine erhöhte Rate von Magenkarzinomen gefunden. Dabei handelt es sich aber vermutlich um eine reverse Kausalität: Nicht die Abstinenz hat krank gemacht, sondern der Krebs zum Alkoholverzicht geführt.

"Starker Alkoholkonsum hat in Bezug auf das Magenkrebsrisiko einen mäßigen, aber schädlichen Effekt", lautet das Fazit der Studienautoren um Dr. Matteo Rota von der Universität Mailand.

Schäden im Erbgut möglich

Zur kanzerogenen Wirkung könnten verschiedene Mechanismen beitragen. So kann Acetaldehyd, ein Hauptabbauprodukt des Alkohols, DNA-Schäden induzieren, die Produktion freier Radikale fördern und DNA-Reparaturenzyme blockieren.

Chronischer Alkoholabusus erhöht außerdem die Expression von Cytochrom P-4502E1, was zur Bildung von reaktiven Sauerstoffspezies und Prokarzinogenen im Gastrointestinaltrakt beiträgt.

Möglich ist auch, dass die mit starkem Alkoholkonsum oft einhergehende Malnutrition die Krebsgenese begünstigt. Dieser Einfluss wurde im StoP-Projekt dadurch reduziert, dass in den meisten Studien eine Adjustierung nach dem Obst- und Gemüseverzehr erfolgt war.

[21.08.2017, 09:56:26]
Dr. Jürgen Schmidt 
Wissenschaft kann auch lächerlich sein.
Bei genauerem Hinsehen lässt sich bei den Mahnern für eine Lebensweise, die alle Gesundheitsrisiken vermeidet, nicht selten eine zwanghafte Grundhaltung und ein Bevormundungstrieb erkennen, der ungesunder erscheint als der Gegenstand der Mahnung.
Schon Goethe wurde durch einen guten Rheingauer aufs Schönste inspiriert.
Leider gehört sein Lieblingswein, der Winkler Hasensprung heute nicht mehr zu den allerbesten Lagen.
Ob dieser Umstand dazu geführt hat, dass den deutschen Literaturnobelpreisträgern ein sauertöpfischer Unterton anhaftet, kann ich als Mediziner nur vermuten.
Kurzum, Wissenschaft kann auch lächerlich sein. zum Beitrag »
[18.08.2017, 15:41:54]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Übergänge bei Alkohol-Verbrauchs-Kategorien nicht nur substanzbedingt fließend!
Die Publikation "Alcohol consumption and gastric cancer risk — A pooled analysis within the StoP project consortium" von Matteo Rota et al. hat mit "Cancer Epidemiology", wie in der Fachzeitschrift International Journal of Cancer (IJC) betitelt, herzlich wenig zu tun. Sie ist kein angemessener Beitrag zur Krebs-Epidemiologie unter Alkohol-Einfluss.

Dem Autorenteam ist offensichtlich nicht einmal bewusst, dass Alkohol-bedingte Gesundheitsschädigungen bzw. Tumorrisiken eben n i c h t monokausal und schon gar nicht mono-lokulär auf isolierte Zielorgane heruntergebrochen werden können.

Schon gar nicht adäquat ist eine Kategorienbildung zwischen:
"Abstinenzlern" ("abstainers"), "Trinkern" bis 4 Drinks/d ("drinkers") "starken Trinkern" ("heavy drinkers") mit 4-6 Drinks/d und "sehr starken Trinkern" ("very heavy drinkers") mit mehr als 6 Drinks/d.

Auf retrospektiven Beobachtungen fußende Metaanalysen führen gerade beim Alkoholkonsum systematisch in die Irre, weil die Übergänge zwischen den Verbrauchs-Kategorien nicht nur substanzbedingt zumeist fließend sind.

Dem Autorenteam sind aber auch keine weiteren Widersprüche aufgefallen, die in seinem Abstract selbst stecken:

1. Wenn im Vergleich zu Alkohol-Abstinenten kein erhöhtes Magenkrebsrisiko bei bis zu 4 Drinks (z.B. à 0,1 L Wein) pro Tag besteht, dieses jedoch bei 4-6 x tgl. 0,1 L Wein schon ansteigen soll, gibt es doch im tatsächlichen Leben unserer Patientinnen und Patienten keinen einzigen, der tatsächlich auf immer und ewig tgl. maximal dieselbe Menge von bis 4x 0,1 L Wein oder andere äquivalente Alkoholmengen konsumiert, bzw. nicht situativ bedingt auch mal "tiefer ins Glas schaut". Zwischen diesen beiden Alkohol-Konsum-Mengen gibt es allenfalls eine rein fiktive Diskrimination.

2. Allein die Tatsache, dass das Risiko bei mehr als 4 Drinks für Nichtraucher höher war, als das Risiko für Raucher mit geringerem Alkoholkonsum, zeigt nicht etwa, dass Rauchen vor Magenkrebs schützen könne, sondern im Gegenteil, dass dadurch das Bronchialkarzinom-Risiko erhöht wird!

3. Wer eine Studie mit "Alcohol consumption and gastric cancer risk" überschreibt, kann nicht plötzlich im Text über "in intestinal-type" und diffuse-type cancers" ohne empirisch belegte Daten konfabulieren.

["Compared with abstainers, drinkers of up to 4 drinks/day of alcohol had no increase in gastric cancer risk, while the ORs were 1.26 (95% CI, 1.08–1.48) for heavy (>4 to 6 drinks/day) and 1.48 (95% CI 1.29–1.70) for very heavy (>6 drinks/day) drinkers. The risk for drinkers of >4 drinks/day was higher in never smokers (OR 1.87, 95% CI 1.35–2.58) as compared with current smokers (OR 1.14, 95% CI 0.93–1.40). Somewhat stronger associations emerged with heavy drinking in cardia (OR 1.61, 95% CI 1.11–2.34) than in non-cardia (OR 1.28, 95% CI 1.13–1.45) gastric cancers, and in intestinal-type (OR 1.54, 95% CI 1.20–1.97) than in diffuse-type (OR 1.29, 95% CI 1.05–1.58) cancers."]

Von daher ist der ÄZ-Titel etwas irreführend gewählt: "Bitterer Tropfen - Zwei Gläser Wein? Das lass lieber sein!" ist nicht die Quintessenz der beschriebenen Metaanalyse. Denn wer täglich nicht mehr als zwei Gläser Wein oder zwei Flaschen Bier trinkt, hat k e i n messbar erhöhtes Risiko, an Magenkrebs zu erkranken.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

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