Ärzte Zeitung, 31.01.2008

HINTERGRUND

Blinde Tastuntersucherinnen helfen Gynäkologen

Von Carolin Wedekind

 Blinde Tastuntersucherinnen helfen Gynäkologen

Eine blinde Frau arbeitet hier als Tastuntersucherin.

Foto:discovering hands

In der Essener Universitätsklinik lernen blinde Frauen Brustkrebs-Tastuntersuchungen. Sie sollen durch ihren besseren Tastsinn niedergelassene Gynäkologen bei der Arbeit unterstützen.

Eigentlich wäre für die Körbchengrößen A bis C eine halbe Stunde zum Ertasten von Tumoren in der Brust nötig, bei größeren Brüsten auch mehr. Im hektischen Praxisalltag bleiben dem Gynäkologen pro Patientin aber nur einige Minuten. Der Duisburger Frauenarzt Dr. Frank Hoffmann hatte deshalb die Idee, Tastuntersuchungen von Hilfskräften vornehmen zu lassen. Einen besonders genauen Tastsinn vermutete er bei Blinden. Im August 2006 startete er ein Pilotprojekt, in dem blinde Frauen speziell für diese Aufgabe ausgebildet werden.

Zwei Tastuntersucherinnen von der Kammer bereits zertifiziert

"Die Rahmenbedingungen für die Krebsvorsorge sind nicht optimal", sagt Hoffmann. Ab dem 50. Lebensjahr zahlen die Krankenkassen einer Patientin eine präventive Mammografie. Für Patientinnen zwischen dem 30. und dem 50. Lebensjahr sind Mammografien nur möglich, wenn ein Verdacht besteht. Die Tastuntersuchung ist also für viele Frauen die einzige Möglichkeit, einen Tumor zu entdecken. "Und das sollten wir möglichst gründlich machen", sagt Hoffmann. "Wenn man die Größe des Tumors bei seiner Entdeckung halbieren kann, halbiert man auch die Mortalität."

Zwei Tastuntersucherinnen hat die Ärztekammer Nordrhein bereits nach der neun Monate dauernden Fortbildung zertifiziert. Vier weitere werden zur Zeit in einem zweiten Pilotkurs ausgebildet. Finanziert wird das Projekt mit 200 000 Euro vom Landschaftsverband Rheinland (LVR), der damit die Integration von Blinden in das Arbeitsleben fördern will. Das Geld kommt aus den Ausgleichszahlungen, die Betriebe ab 20 Mitarbeitern leisten müssen, wenn weniger als fünf Prozent der Belegschaft behindert sind. "Später soll medizinische Tastuntersucherin ein regulärer Ausbildungsberuf werden, bei dem der Lehrherr die Ausbildung zahlt", sagt LVR-Sprecher Christophe Göller. "Unser Ziel ist, Menschen mit Behinderung am normalen Arbeitsmarkt unterzubringen."

Die finanzielle Förderung wurde vor allem zum Erarbeiten des Unterrichtsmaterials genutzt. Das Berufsbildungswerk Düren hat beispielsweise Silikonmodelle von Brüsten mit Tumoren und blindengerechtes Lernmaterial entwickelt. Außer den Brustmodellen lernen die Frauen das Ertasten an freiwilligen Probandinnen und bei einem dreimonatigen Praktikum in einer Praxis.

Viele Ärzte betrachten das Angebot bislang eher skeptisch

Mit Klebestreifen, deren Oberflächen ertastbare Abschnitte haben, wird die Brust in Zonen eingeteilt. "Die Brust kann so systematisch untersucht werden", sagt Hoffmann. Es entsteht ein Raster, in dem die Tastuntersucherin verdächtige Punkte genau bestimmen und dem Arzt mitteilen kann. "Man sollte die Tastuntersucherin nicht als Konkurrenz sehen. Sie leiht dem Arzt nur ihre Hände", sagt Hoffmann. Die Diagnose stelle auch weiterhin der Arzt, betont er.

Mehr als 400 Frauen haben seit Oktober 2007 die individuelle Gesundheitsleistung der Tastuntersucherinnen für 25 Euro genutzt.

Eine der beiden ausgebildeten Tastuntersucherin ist Miroslawa Grässer. Ihre neue Arbeit gefällt der früheren Telefonistin gut. "Natürlich bin ich froh, wenn ich keinen Befund habe", sagt Grässer. "Aber wenn ich einen Knoten finde, ist das besser als wenn er erst später entdeckt würde." In Zukunft möchte sie auch Kurse zur Selbstuntersuchung geben.

"Wenn Frauen lernen, wie sie sich jeden Monat selbst untersuchen können, bekommen sie ein sehr gutes Gefühl für Veränderungen in der Brust", ist Grässer überzeugt. Viele Gynäkologen sehen das Projekt noch skeptisch. "Eine Tastuntersucherin ersetzt keine Mammografie", sagt Dr. Peter Potthoff vom Berufsverband der Frauenärzte. "Ich würde immer selbst nachuntersuchen."

Auch wenn Hoffmann weitere Gynäkologen für sein Projekt begeistern kann, werden die Tastuntersucherinnen nicht der Standard zur Brustkrebsfrüherkennung werden. "Für flächendeckende Untersuchungen nach diesem Modell gibt es zu wenig geeignete Frauen", sagt Hoffmann. Nicht jede Blinde kann gut genug tasten. Durch Diabetes erblindete haben oft einen eingeschränkten Tastsinn.

"Für die einzelne Frau, die sich sorgfältig untersuchen lassen kann, sind die medizinischen Tastuntersucherinnen aber sicher ein Vorteil", sagt Hoffmann.

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