Ärzte Zeitung online, 01.12.2009

Brustkrebs: Vorsorgliche Brustentfernung nicht immer nötig

KÖLN (eg). Trägerinnen von Genveränderungen in den Brustkrebsgenen BRCA1 oder BRCA2 haben ein deutlich erhöhtes Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Außerdem besteht bei ihnen die Gefahr, dass sich im Laufe der Zeit auch in der anderen Brust ein bösartiger Tumor entwickelt. Dies führt dazu, dass sich viele betroffene Frauen bereits nach der Erstdiagnose beide Brüste entfernen lassen. Die Ergebnisse einer aktuellen Studie zeigen, dass das nicht immer notwendig ist.

Bei jeder 25. Frau, die an Brustkrebs erkrankt, ist eines der Hochrisiko-Gene BRCA1 oder BRCA2 verändert. Das Risiko für Brustkrebs liegt bei Trägerinnen dieser Genveränderungen (Mutationen) bei 70 bis 80 Prozent. "Bisherige Untersuchungen beziffern die Gefahr, dass im Laufe der Zeit auch die andere Brust betroffen sein wird, auf rund 30 bis 40 Prozent in zehn Jahren", erklärt Professor Rita Schmutzler von der Universitätsklinik Köln. "Vor diesem Hintergrund entscheiden sich viele Frauen dafür, die gesunde Brust vorsorglich entfernen zu lassen, um das Wiedererkrankungsrisiko zu mindern und nicht erneut eine Krebstherapie über sich ergehen lassen zu müssen."

Eine aktuelle Studie des Deutschen Konsortiums für Familiären Brust- und Eierstockkrebs zeigt nun erstmals, dass das Risiko, erneut an Brustkrebs zu erkranken, nicht pauschal benannt werden kann (J Clin Oncol, online vorab, November 2009). Im Rahmen der Studie wurden über 1000 Frauen untersucht, die eine Mutation in einem der Hochrisiko-Gene tragen und bereits Brustkrebs hatten. "Unsere Ergebnisse belegen, dass das Wiedererkrankungsrisiko signifikant vom betroffenen Gen und vom Alter der Frau abhängt, in dem zum ersten Mal Brustkrebs festgestellt wurde", erläutert Schmutzler.

Bei einer Frau, die aufgrund einer Mutation im BRCA1-Gen vor dem 40. Lebensjahr erkrankt, besteht beispielsweise ein Risiko von rund 43 Prozent, dass sich in den nächsten 15 Jahren auch ein Tumor in der anderen Brust entwickelt. Für eine BRCA2-Mutationsträgerin, die nach dem 50. Lebensjahr erstmalig betroffen ist, liegt das Zweiterkrankungsrisiko dagegen nur bei rund 18 Prozent und ist somit nicht höher als für Frauen mit sporadischem Brustkrebs. "Diese Daten sind von großer Bedeutung für die Beratung der betroffenen Frauen. Denn unsere Ergebnisse ermöglichen nun erstmals eine individuellere Risiko-Kalkulation", erklärt Schmutzler. Diese diene als Basis, um sich für oder gegen eine vorsorgliche Entfernung der Brustdrüse zu entscheiden.

"Die Untersuchung belegt am Beispiel des familiären Brustkrebses, wie wichtig es ist, Krebs-Patienten in ausgewiesenen Zentren zu betreuen und die klinischen Daten systematisch zu erfassen und auszuwerten", betont Gerd Nettekoven, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krebshilfe. Die gemeinnützige Organisation hat den Aufbau einer solchen zentralen Datenbank für familiären Brust- und Eierstockkrebs gefördert. "Die Experten der Zentren sind zuversichtlich, mit Hilfe dieser Datenbank in Zukunft weitere dringliche Fragen zur Prävention, Früherkennung und Therapie von erblichem Brustkrebs beantworten zu können, denn der erbliche Brustkrebs verhält sich anders als der sporadische Brustkrebs", so Nettekoven. Die Ergebnisse kommen den betroffenen Frauen unmittelbar zu Gute.

Zum Abstract der Originalpublikation "Contralateral Breast Cancer Risk in BRCA1 and BRCA2 Mutation Carriers"

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Die Notfall-Probleme „an der Wurzel packen“

Gesundheitsminister Spahn stellt Details seiner Umbaupläne für die Notfallversorgung vor. Die zahlreichen Reaktionen zeigen, wie viele Interessen es bei dem Thema gibt. mehr »

„Wir müssen die Hamsterräder anhalten“

Es gibt in Deutschland ausreichend Ärzte, findet Professor Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Uni in Frankfurt. Welche Kernprobleme er sieht und wie die Versorgung verbessert werden kann, verrät er im Interview. mehr »

Thermometer aus der Blase gezogen

Mitunter verschwinden Gegenstände versehentlich in der Blase, manche stecken sich bewusst Besenstiele oder Fische ins Organ. Urologen konnten nun ein Thermometer über die Harnröhre eines Mannes entfernen – ganz ohne Op. mehr »