Ärzte Zeitung, 29.08.2011

Hintergrund

Mammografie unter Beschuss

Die Ergebnisse aus zwei neuen Studien haben die Debatte um den Nutzen des Mammografie-Screenings zur Senkung der Brustkrebssterberate erneut angeheizt. Doch die Studie mit negativem Ausgang für die Früherkennung wird von Experten stark kritisiert.

Von Ingeborg Bördlein

Früherkennung von Brustkrebs bleibt wesentlicher Faktor für die Heilungschancen

Ein Mammogramm wird sorgfältig begutachtet - Experten halten das Screening trotz widersprüchlicher Ergebnisse für sinnvoll.

© Schellhorn / imago

Die Brustkrebsmortalität ist in ganz Europa gesunken. Welchen Anteil eine bessere Früherkennung durch das Mammografie-Screening daran hat, wird kontrovers diskutiert.

Eine jüngst im "British Medical Journal" veröffentlichte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass das Röntgenscreening wohl keinen Einfluss auf die Brustkrebssterberate hat.

Hingegen hatten schwedische Wissenschaftler nach einer aktuellen Analyse der schwedischen Daten im Juni dieses Jahres erneut postuliert, dass sich die Brustkrebssterberate durch das Screening um 30 Prozent senken lässt.

In der jüngsten Publikation (BMJ 2011; 343: d4411) haben Krebsforscher aus Frankreich, Nordirland und Norwegen um Philippe Autier vom International Prevention Research Institute in Lyon die Brustkrebssterblichkeit in mehreren europäischen Ländern mit ähnlichen Gesundheitssystemen und Behandlungsstandards verglichen, in denen das Mammografie-Screening jedoch zu unterschiedlichen Zeitpunkten mit jeweils zehn bis 15 Jahren Differenz eingeführt wurde.

Die wesentlichen Ergebnisse: In allen Ländern ging die Brustkrebssterberate - basierend auf der WHO-Mortalitätsstatistik - zwischen den Jahren 1989 und 2006 in ähnlichem Maße zurück: In Nordirland um 29 Prozent und in der Republik Irland um 26 Prozent.

Nordirland hatte das Mammografie-Screening bereits 1990 eingeführt, die Republik Irland erst zehn Jahre später. Außerdem wurde die Entwicklung in den Niederlanden und Belgien verglichen.

In den Niederlanden, wo das Screening bereits seit 1989 existiert, betrug der Rückgang 25 Prozent. Im Nachbarland Belgien waren es 20 Prozent. Dort gibt es das Screening erst seit 2001.

In Schweden besteht das landesweite Mammografie-Screening seit 1990; die Brustkrebssterberate verringerte sich bis 2006 um 16 Prozent. In Norwegen, wo das Screening erst seit 2005 landesweit erfolgt, sank sie um 24 Prozent.

Aus diesen Daten schließen die Autoren, dass das Mammografie-Screening keinen direkten Einfluss auf die Mortalität hat, zumal die deutlichste Senkung bei den unter 50-jährigen Frauen festzustellen war, unabhängig davon, ob sie am Screening teilgenommen hatten.

Die Methodik dieser Studie wird jedoch kritisiert. So bemängelt der wissenschaftliche Beirat der Kooperationsgemeinschaft Mammografie, dass es sich lediglich um eine retrospektive Trendanalyse handle, die für Verzerrungen sehr anfällig sei.

Man könne verschiedene Länder nicht einfach miteinander vergleichen, weil sie eine unterschiedliche Hintergrundinzidenz an Brustkrebs aufwiesen, sagte Beiratsmitglied Professor Walter Heindel aus Münster der "Ärzte Zeitung". Und innerhalb Deutschland gebe es sogar ein Nord-Süd-Gefälle.

Sein Kollege Professor Markus Müller-Schimpfle aus Frankfurt am Main verweist auf den rein epidemiologischen Charakter der Studie: "Rein epidemiologisch besteht ein starker Zusammenhang zwischen dem Rückgang der Anzahl der Störche und der Geburtenzahl in Deutschland, aber die wenigsten würden daraus einen ursächlichen Zusammenhang herstellen", sagte der Radiologe der "Ärzte Zeitung".

Die kausale Verknüpfung zwischen Tumorgröße und Prognose sei gut abgesichert. Die Früherkennung von Brustkrebs sei ein wesentlicher Faktor für die Heilungschancen. Dieser Zusammenhang verliere trotz der verbesserten Therapiemöglichkeiten nicht an Bedeutung.

Die neuen Studienergebnisse konkurrierten mit anderen, bei denen wesentlich bessere Methoden eingesetzt worden seien, so Heindel. Er verwies auf aktuelle Daten aus Schweden, wonach von 1000 Frauen zwischen 40 und 69 Jahren, die regelmäßig am Mammografie-Screening teilnehmen, zwischen acht und elf Brustkrebstodesfälle verhindert werden könnten (Radiology 2011; online 28. Juni).

Die Autoren dieser Studie hätten außerdem darauf hingewiesen, dass die meisten der vermiedenen Brustkrebstodesfälle durch das Screening erst nach zehn bis 20 Jahren nachgewiesen werden könnten.

"Wichtig scheint nun, auch für Deutschland belegen zu können, dass ein Mammografie-Früherkennungsprogramm die Sterberate über die Möglichkeit der adjuvanten Therapie hinaus senkt", so Müller-Schimpfle.

Heindel sieht es ebenso: "Deutschland muss in den nächsten Jahren selbst wissenschaftlich auf möglichst hohem Niveau evaluieren, wie gut unser Programm ist."

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