Ärzte Zeitung online, 12.05.2017

Adjuvante Brustkrebs-Therapie

Neues Argument gegen Abbruch

Wenn Frauen mit Brustkrebs die adjuvante Hormontherapie abgebrochen haben, lohnt es sich, sie für die Wiederaufnahme der Behandlung zu motivieren. Denn offenbar werden sie dadurch mit einem längeren progressionsfreien Leben belohnt.

Von Peter Leiner

Neues Argument gegen Abbruch

Brustkrebs-Patientinnen, die eine adjuvante Therapie abbrechen, könnten die neuen Studienergebnisse überzeugen, diese früh wieder aufzunehmen.

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STOCKHOLM. Im vergangenen Jahr haben schwedische Wissenschaftler um den Epidemiologen Wei He vom Karolinska-Institut in Stockholm festgestellt, dass mehr als die Hälfte der Patientinnen mit Brustkrebs in einem Zeitraum von fünf Jahren die adjuvante Behandlung mit Tamoxifen oder einem Aromatasehemmer abbrechen. Internationale Studiendaten reichen von einem Anteil von 31 bis 73 Prozent. Folgen des Therapieabbruchs sind ein erhöhtes Rezidivrisiko und eine erhöhte Mortalität. In einer großen bevölkerungsgestützten Kohortenstudie prüften die Wissenschaftler nun, welche Prädiktoren gegen das Wiederaufnehmen der Therapie sprechen und ob die erneute adjuvante Behandlung mit einem verbesserten Krankheitsverlauf assoziiert ist (JNCI 2017; 109: djx041).

Studie mit Registerdaten

Für ihre Studie verwendeten He und seine Kollegen unter anderem die Daten des Stockholm-Gotland Breast Cancer Register und des Swedish Prescribed Drug Register mit detaillierten Angaben zu Arzneimittelverschreibungen. Fast 60 Prozent von mehr als 3000 Patientinnen haben zudem Angaben unter anderem zu ihrem Lebensstil und ihrer Familienanamnese gemacht. Frauen, bei denen zwischen 2005 und 2008 erstmals Brustkrebs diagnostiziert worden war, wurden vom Zeitpunkt der ersten Verschreibung von Tamoxifen oder eines Aromatasehemmers bis Anfang 2015 nachverfolgt. Mehr als 1600 Studienteilnehmerinnen nahmen die Präparate kontinuierlich ein, 953 setzten die Behandlung nach einer Unterbrechung fort und 511 Frauen brachen die adjuvante Therapie endgültig ab.

Als Unterbrechung der Behandlung mit Tamoxifen oder einem Aromatasehemmer wurde gewertet, wenn die Studienteilnehmerinnen – bei Verfügbarkeit von maximal einer Dreimonatspackung in Schweden – zwischen zwei Medikamenteneinnahmen mehr als 180 Tage verstreichen ließen. Eine Wiederaufnahme der Therapie lag vor, wenn nach einer Unterbrechung von mindestens 90 Tagen mindestens zweimal das entsprechende Medikament wieder eingenommen worden war.

Wie He und seine Kollegen berichten, lag die kumulative Rate derjenigen Patientinnen, die die adjuvante Therapie wieder aufnahmen, nach einem halben Jahr nach dem Aussetzen bei 54,9 Prozent, nach einem Jahr bei 64,7 Prozent und nach vier Jahren bei 66,9 Prozent. Die Wissenschaftler entdeckten eine ganze Reihe von Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit verringerten, dass Patientinnen die adjuvante Therapie nach einem Abbruch wieder aufnahmen. Dazu gehörten Alter unter 50 Jahre, kleine Tumoren (< 20 mm) und das Wechseln zwischen Tamoxifen- und Aromatasehemmereinnahme sowie die Anwendung symptomlindernder Medikamente. Außerdem blieben Frauen eher beim Ausstieg aus der adjuvanten Therapie, wenn ihre Familienanamnese und der HER2-Marker negativ und die Lymphknoten nicht befallen waren.

Bei Abbruch schlechterer Verlauf

Die Analyse der Daten zeigt auch, dass Patientinnen, die die adjuvante Therapie beendeten, einen schlechteren Verlauf ihrer Erkrankung hatten als die Frauen, die die Behandlung danach wieder fortsetzten. So lebten den Berechnungen zufolge nach acht Jahren noch 89,8 Prozent (95%-Konfidenzintervall zwischen 86,7 und 92,2 Prozent) derjenigen, die die Therapie wieder aufnahmen, ohne Fortschreiten der Erkrankung, aber nur 82,0 Prozent (95%-Konfidenzintervall zwischen 76,6 und 86,3 Prozent) derjenigen, die das nicht taten.

Aus der Cox-Regressionsanalyse aller Daten geht hervor, dass die Wahrscheinlichkeit für ein verlängertes progressionsfreies Leben signifikant höher ist, wenn die Adjuvanz wieder aufgenommen wird, verglichen mit dem endgültigen Abbruch, und zwar um 39 Prozent (adjustierte Hazard Ratio: 0,61; 95%-Konfidenzintervall zwischen 0,43 und 0,87; p = 0,006). Dabei wurden verzerrende Faktoren berücksichtigt. Die Studienergebnisse können nach Ansicht der Forscher helfen, Patientinnen, die eine adjuvante Therapie abbrechen, zu überzeugen, diese frühzeitig wieder aufzunehmen.

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