Ärzte Zeitung online, 20.06.2017
 

Brustkrebs

Konzept "One fits all" bei Radiatio hat ausgedient

BERLIN. Die Strahlentherapie bei Brustkrebspatientinnen muss stärker individualisiert erfolgen – so die Forderung von Professor Wilfried Budach, Düsseldorf, President-Elect der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) aus Anlass der Jahrestagung der DEGRO in Berlin. "Das ,One fits all‘-Konzept habe ausgedient, auch in den frühen Brustkrebsstadien. In Berlin wurden aktuelle Daten zur Deeskalation bei Patientinnen mit niedrigem Rückfallrisiko und zur Eskalation der Strahlentherapie bei hohem Rückfallrisiko im Sinne einer individualisierten Therapie präsentiert und diskutiert.

Nach brusterhaltender Brustkrebs-Op schließt sich fast immer eine Strahlentherapie an. Nach der derzeit noch gültigen Version der S3-Leitlinie soll die gesamte verbliebene Brust und die angrenzende Thoraxwand bestrahlt werden, die Dosis soll ca. 50 Gy bei konventioneller Fraktionierung betragen (5 × 1,8 - 2,0 Gy/Woche). Des Weiteren heißt es in der Leitlinie: "Die Teilbrustbestrahlung als alleinige intra- oder postoperative Bestrahlungsbehandlung stellt keinen Therapiestandard dar". Diese Empfehlungen werden sich in der kurz vor der Veröffentlichung stehenden neuen S3-Leitlinie erheblich verändern, denn neuere Studien haben zahlreiche Hinweise darauf gegeben, dass Abweichungen im Sinne einer individualisierten Therapie nicht nur vertretbar, sondern für die Patientinnen von Vorteil sein können, teilt die DEGRO zu ihrem Kongress mit.

Für die meisten Patientinnen könne die bisher 5- bis 6,5-wöchige Strahlentherapie der Brust nach der Operation auf 3 - 4,5 Wochen verkürzt werden, so die DEGRO. Basis für diese Verkürzung sei eine Meta-Analyse von neun randomisierten, kontrollierten Studien, die zeigte, dass bei Patientinnen in frühen Brustkrebsstadien nach brusterhaltender Op eine geänderte Fraktionierung der Strahlentherapie (weniger Bestrahlungstage, höhere Einzeldosis) von Vorteil sein kann. Zwar zeigte sich kein Unterschied in der Rückfallrate, die akute Strahlentoxizität war aber geringer, die Therapie damit verträglicher.

Gegenüber der externen Bestrahlung der ganzen Brust bietet eine gezielte Teilbestrahlung die Möglichkeit, das umliegende Gewebe zu schonen und die Nebenwirkungen zu reduzieren. Möglichkeiten einer solchen gezielten Strahlentherapie stellen die Brachytherapie oder die intraoperative Bestrahlung des Tumorbettes dar. Befürchtet wurde allerdings ein gegenüber der Ganzbrust-Bestrahlung erhöhtes Rückfallrisiko, erinnert die DEGRO in ihrer Mitteilung. So fand man in einer Studie bei der intraoperativen Bestrahlung im Vergleich zur Ganzbrustbestrahlung signifikant mehr Lokalrezidive – das Gesamtüberleben war allerdings in beiden Studiengruppen gleich.

Neue Studien geben nun Hinweise, dass die "sanfteren Formen" der Strahlentherapie nicht mit einem höheren Rückfallrisiko verbunden sind. Wir sollten also nicht länger bei allen Patientinnen an der Ganzbrust-Bestrahlung festhalten", so Budach in der Mitteilung der DEGRO.

Umgekehrt kann aber auch eine Eskalation der Therapie sinnvoll sein, wie neue Daten zur Lymphknotenbestrahlung gezeigt haben. Die DEGRO setze sich dafür ein, dass jede Betroffene zukünftig so viel Therapie wie nötig und so wenig wie möglich bekommt", wird Budach zitiert. (eb)

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