Ärzte Zeitung online, 06.09.2019

Brustkrebs

Mammographie-Screening nützt älteren, kranken Frauen kaum

In Deutschland wird Frauen bis 69 Jahre ja eine regelmäßige Mammografie zur Früherkennung von Brustkrebs empfohlen. Dieser Altersgrenze scheint berechtigt, bestätigt eine aktuelle Studie.

Von Stefan Parsch

zur Galerie klicken

Mammografie-Befund: Die in Deutschland geltende Altersgrenze von 69 Jahren für das Brustkrebs-Screening ist nicht unumstritten.

© Friso Gentsch / dpa

WASHINGTON. Der Brustkrebsfrüherkennung sind Grenzen gesetzt: Für Frauen im Alter von mehr als 75 Jahren und einer chronischen Krankheit, wie Diabetes oder einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, bringt ein Mammografie-Screening kaum einen Nutzen. Das geht aus einer US-amerikanischen Untersuchung hervor, für die Forscher Daten von 220.000 Frauen nach einer Mammografie analysiert hatten (J Natl Cancer Inst 2019; online 6. September). Eine deutsche Expertin betont, dass die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf Deutschland übertragbar sind.

„Es kann vorkommen, dass ältere Frauen nicht lange genug leben, um von der Mammografie-Früherkennung zu profitieren“, schreiben die Autoren um Dr. Dejana Braithwaite von der Georgetown University in Washington. Stattdessen würden sie eher an einer anderen Erkrankung als an Brustkrebs sterben. Es ist mit zunehmendem Alter auch wahrscheinlicher, dass durch die Diagnose die Lebensqualität eingeschränkt wird und eine Behandlung nicht mehr zu Ende geführt werden kann.

Versicherungsdaten analysiert

In der Studie verwendeten die Wissenschaftler Daten vom Breast Cancer Surveillance Consortium aus den Jahren 1999 bis 2010. Sie waren verknüpft mit Daten von Medicare, einer öffentlichen und bundesstaatlichen Krankenversicherung in den USA. Untersucht wurden Frauen im Alter von 66 bis 94 Jahren, die eine oder mehrere Mammografien gemacht hatten. Innerhalb von zehn Jahren starben 471 an Brustkrebs und 42.229 aus anderen Gründen, also fast 90-mal mehr. Frauen im Alter von 75 bis 84 starben 123-mal häufiger an anderen Ursachen als Brustkrebs.

Das Risiko, innerhalb von zehn Jahren an Brustkrebs zu sterben, war den Analysen zufolge gering und blieb mit zunehmendem Alter etwa gleich. Nur 0,2 bis 0,3 Prozent aller Frauen zwischen dem 66. und dem 94. Lebensjahr starben demnach an Brustkrebs. Das Risiko, aus einem anderen Grund zu sterben, nahm bei Patientinnen mit zwei oder mehr Nebenerkrankungen hingegen mit dem Alter zu. Von den untersuchten Patientinnen hatten 26 Prozent eine oder mehrere Nebenerkrankungen.

2016 wurden in Deutschland etwa 5,5 Millionen von knapp 5,7 Millionen anspruchsberechtigten Frauen im Alter von 50 bis 69 Jahren zum Mammografie-Screening eingeladen. 51 Prozent von ihnen nahmen an der Vorsorgeuntersuchung teil. Das geht aus dem Jahresbericht 2016 des deutschen Mammografie-Screening-Programms hervor.

„Unsere Forschung unterstreicht die Notwendigkeit, Screening-Entscheidungen bei älteren Frauen zu individualisieren“, wird der Erstautor der Studie, Dr. Joshua Demb von der University of California in San Diego, in einer Mitteilung der Georgetown University zitiert. Wichtige Kriterien bei der Entscheidung für oder gegen eine Mammografie bei älteren Frauen könnten dabei das Brustkrebsrisiko und die Lebenserwartung der einzelnen Patientin sein.

Nicht auf Deutschland übertragbar

Dr. Birgit Hiller vom Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg hält die Studie für wichtig, gerade wegen der großen Zahl der Fälle. Die Arbeit bestätige im Wesentlichen, was bisher über Nutzen und Risiken des Mammografie-Screenings bei älteren Frauen bekannt gewesen sei. „Wenn aber eine Frau von 70 oder mehr Jahren Beschwerden in der Brust hat, soll sie auf jeden Fall sofort zum Arzt gehen“, betont Hiller. Die Studienergebnisse ließen sich nicht einfach auf die deutsche Situation übertragen. Gründe dafür seien unter anderem Unterschiede in der Bevölkerungsstruktur, den sozialen Lebensumständen und der Lebenserwartung.

Die in Deutschland geltende Altersgrenze von 69 Jahren für das Mammografie-Screening ist nicht unumstritten. So empfiehlt die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie, auch Frauen älter als 70 Jahre noch bei der Brustkrebsfrüherkennung zu berücksichtigen. Zumindest bei gesunden Frauen schließt die aktuelle Studie einen Nutzen für Frauen, die älter als 74 Jahre sind, nicht aus. (dpa)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Auf dem Weg zum Bluttest

Demenz-Diagnose ganz einfach per Biomarker: Serumtests auf Beta-Amyloid und Tau könnten in naher Zukunft recht genau anzeigen, wer gerade in eine Demenz abgleitet. mehr »

Herzschutz ist auch Schutz vor Demenz

Wer mit 50 Jahren nicht raucht, nicht dick ist, sich gesund ernährt, Sport treibt und normale Blutzucker-, Blutdruck- und Cholesterinwerte hat, der kann seine Hirnalterung um mehrere Jahre verzögern. mehr »

Das Oktoberfest im Gesundheits-Check

Laute Menschenmassen, Hendl und sehr, sehr viel Bier: Kann das noch gesund sein? Ein Blick auf das Oktoberfest aus Gesundheitssicht. mehr »