Ärzte Zeitung, 06.12.2016
 

Prostatakarzinom

Aus für größte deutsche Krebsstudie

Die Prostatakrebsstudie PREFERE wird vorzeitig beendet. Der Grund für das Aus der bislang größten deutschen Krebsstudie ist die geringe Zahl der eingeschriebenen Patienten.

Von Thomas Meißner

Aus für die größte deutsche Krebsstudie

© DAVID MCCARTHY/SCIENCE PHOTO LIBRARY/Agentur Focus

NEU-ISENBURG. Die Nachricht kam nicht überraschend: Die Geldgeber der PREFERE-Studie zur Behandlung von Patienten in frühen Stadien des Prostatakarzinoms stellen die Förderung Ende Dezember 2016 ein. Dies war seit langem befürchtet und von Kritikern der Studie mit zunehmender Vehemenz gefordert worden. Damit geht also eines der anspruchsvollsten wissenschaftlichen Vorhaben in der deutschen Krebsforschung zu Ende.

Förderverbund: "Große Chance nicht genutzt"

Die Studie war 2013 gestartet worden als "Jahrhundertprojekt", so damals einer der Studienleiter, Professor Michael Stöckle vom Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg. Nach dreieinhalb Jahren hatten sich allerdings erst 343 Patienten für die Teilnahme entschieden. Trotz massiver Werbung für die Studie war es nicht gelungen, die Rekrutierung maßgeblich zu beschleunigen.

Die Förderer der PREFERE-Studie lassen in ihrer Mitteilung zum Studienende kaum einen Zweifel daran aufkommen, wer ihrer Meinung nach Schuld daran ist "eine große Chance nicht genutzt" zu haben: die Urologen. So sei ein Viertel der niedergelassenen Urologen nicht bereit gewesen, an der Studie mitzuwirken. Zudem hatte der größte Teil der Teilnehmer die Optionen "Operation" und "Strahlentherapie" abgewählt.

Fragestellung nicht mehr zeitgemäß ?

Der bisherige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU), Professor Kurt Miller von der Charité Berlin, hatte im Oktober dieses Jahres bereits gesagt: "Nüchtern betrachtet, gibt es immer ein Risiko zu scheitern." Miller führte Entwicklungen an, die die ursprüngliche Fragestellung obsolet machen könnten, etwa die Einführung der Magnetresonanztomographie in die Früherkennung des Prostatakarzinoms.

Mit der kürzlich veröffentlichten britischen Studie ProtecT war die Frage zur 10-Jahres-Mortalität nach Op, Radiotherapie oder aktiver Überwachung zudem bereits beantwortet worden: 99 Prozent der Patienten leben noch, egal wofür sie sich entschieden hatten (NEJM 2016; 375: 1415).

Ein Verbund aus Deutscher Krebshilfe, den urologischen und radiologischen Fachgesellschaften, privaten und gesetzlichen Krankenkassen sowie Patientenorganisationen wollten ursprünglich insgesamt 23 Millionen Euro ausgeben, um die Frage zu beantworten, welche der vier Optionen bei lokal begrenztem Prostatakrebs mit niedrigem bis intermediärem Risiko die beste ist: Prostatektomie, Strahlentherapie, Brachytherapie oder aktive Überwachung. Innerhalb von vier Jahren sollten 7600 Männer eingeschlossen werden und für mindestens 13 Jahre nachbeobachtet werden.

[28.12.2016, 11:07:03]
Christiane Roloff 
Wieso wird eigentlich ständig von einem Viertel der niedergelassenen Urologen gesprochen, die sich an der Studie nicht beteiligt haben?
343 Rekrutanten sind 10% der niedergelassenen Urologen (pro Praxis i.A. 3 nach Internet.).
Der entscheidende Fehler bei der Planung der Studie war die Annahme einer Mortalität von 10% bei Low-risk Prostatakarzinom. Tatsächlich liegt diese aber eher bei 1 %, was einen Faktor 10 - nämlich 76000 - an Rekrutanten erforderlich gemacht hätte, um eine Aussage, die statistisch relevant ist, in 13 Jahren(2027)zu erhalten.
Auf diese unüberlegte Verschwendung von Spenden und Beitragsgeldern wurde schon vor Beginn der Studie vom Onkologen Tannock (Gutachten) hingewiesen.  zum Beitrag »
[07.12.2016, 12:51:12]
Karlheinz Bayer 
PREFERE ging am eigentlichen Thema vorbei

Seit Julius Hackethals berühmten Buch Auf Messers Schneide, hat sich offenbar nichts geändert. ProtecT gab Hackethal im Grunde recht. Nichts tun ist statistische wohl ebenso ratsam wie alles.
So gesehen gäbe es nur eine wirkliche Rechtfertigung, 23 Millionen für eine Studie auszugeben, und weil man dies auch retrospektiv durchführen könnte, ohne Patienten eine Therapie vorzuschreiben, wäre sie sogar wesentlich presigünstiger machbar.
Im Grunde geht es nur noch darum, welche der Optionen die meisten und die größten Kollateralschäden verursacht.
Ein Fragebogen mit Fragen nach dem Allgemeinbefinden, der Kontinenz, der Potenz, der gefühlten Sicherheit und der allgemeinen Zufriedenheit wäre vollkommen ausreichend gewesen.
Mit PREFERE wäre hingegen zu befürchten gewesen, daß sich am Ende eine Leitlinienempfehlung auf der Basis minimaler Nutzen-Abweichungen ergibt, womöglich sogar unter Mißachtung der garnicht so minimalen Risiken.
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