Ärzte Zeitung online, 19.11.2010

Forscher entwickeln Trojaner für gezielte Zerstörung von Hirntumoren

BERLIN (ple). Mit Hilfe von Nanomolekülen ist eine Therapie mit dem Krebsmittel Mitoxantron gegen Hirntumoren offenbar wirksamer und viel verträglicher als die bisher praktizierte Behandlung nur mit dem Medikament.

Forscher entwickeln Trojaner für die gezielte Zerstörung von Hirntumoren

Ärzte vor der Op eines Hirntumors. Forscher entwickeln nun Trojaner auf Nanoebene, die gezielt Medikamente in den Tumor schleusen sollen.

© dpa

Weniger als fünf Prozent aller Medikamente können Zellen des Gehirns erreichen, wenn die Blut-Hirn-Schranke intakt ist. Deshalb entwickeln Wissenschaftler Techniken, mit denen sich Medikamente leichter ins Gehirn schleusen lassen.

Die jetzt von Berliner Forschern hergestellten Nanofähren, die als Trojan Horse Liposome (THL) bezeichnet werden, sind 400-mal kleiner als der Durchmesser eines Haares. Erforscht haben sie die Wissenschaftler um Dr. Andrea Orthmann vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin.

Die THL bestehen aus Lipidmembranen, die Arzneien wie Mitoxantron umschließen und deren Transport durch die Blut-Hirn-Schranke erleichtern. An diese Lipidmembranen sind kurze Peptidmoleküle - Angiopep genannt - gekoppelt, die dafür sorgen, dass die Nanofähren aktiv durch die Blut-Hirn-Schranke transportiert werden und so die Zellen des Gehirns erreichen können.

Die Angiopeptide sind so konstruiert, dass sie an den Rezeptor "Low Density Lipoprotein Related Protein-1" binden, der sehr häufig auf Zellen der Blut-Hirn-Schranke zu finden ist.

Wie Orthmann jetzt bei einer Krebstagung zum Thema "Molecular Targets and Cancer Therapeutics" in Berlin berichtet hat, reduzierten die mit Mitoxantron beladenen Nanofähren im Tierversuch im Vergleich zu unbehandelten Tieren das Tumorgewebe um 75 Prozent und um 45 Prozent im Vergleich zur Behandlung mit Mitoxantron alleine.

Nebenwirkungen, die durch die Therapie mit Mitoxantron alleine auftreten, etwa gastrointestinale Störungen, Gewichtsverlust und hämatologische Veränderungen seien durch die Behandlung mit Mitoxantron, das in den Nanofähren verpackt war, vermieden worden.

Nach Ansicht von Orthmann lässt sich die neue Technik auch für andere Medikamente als Mitoxantron weiterentwickeln. Und: Durch den Austausch der Angiopep-Moleküle könnten die Nanofähren an die Therapie bei anderen Krankheiten, bei denen es ebenfalls um die Überwindung der Blut-Hirn-Schranke geht, etwa Morbus Alzheimer, Morbus Parkinson und Morbus Huntington, angepasst werden.

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