Ärzte Zeitung online, 21.10.2011

Hintergrund

Dänen: Handys fördern keinen Krebs

Dänische Forscher lassen Handytelefonierer aufatmen: In einer Großstudie über 18 Jahre konnten die Wissenschaftler kein erhöhtes Krebsrisiko bei Handynutzern feststellen. Doch die Studie hat auch Schwachstellen.

Von Thomas Müller

Handys fördern keinen Krebs

Ob Strahlung von Mobiltelfonen für Nutzer gefährlich sein kann, ist unter Fachleuten umstritten.

© ruf photography, Geesfrosh / fotolia.com

Inzwischen sind mehr als 15 Studien und Analysen zur Frage veröffentlicht worden, ob Handystrahlung das Tumorrisiko erhöht, besonders das für Hirntumoren.

In den meisten der Studien wurde kein Zusammenhang zwischen Handynutzung und Tumorinzidenz gefunden.

Befragungen: Antworten sind oft fehlerhaft

Ein Manko vieler Studien war jedoch, dass dabei gesunde Personen und Tumorpatienten nach ihrer Handynutzung befragt wurden. Solche Angaben sind jedoch oft fehlerhaft - schließlich können sich die meisten Menschen nicht mehr so genau daran erinnern, wie häufig und wie lange sie vor fünf Jahren mobil telefoniert hatten.

Zudem weiß man aus anderen Studien, dass Krebspatienten bei Befragungen potenzielle Risikofaktoren überbewerten, weil sie darin eine mögliche Ursache für ihre Erkrankung sehen.

360.000 Dänen mit Mobilfunkvertrag beobachtet

Um solche Verzerrungen zu vermeiden, haben Epidemiologen um Dr. Patrizia Frei einen anderen Ansatz gewählt: Sie verglichen die Häufigkeit von Tumoren bei allen 360.000 Dänen, die einen Mobilfunkvertrag vor dem Jahr 1996 hatten, und bei solchen ohne (BMJ 2011; 343:d6387). Auch schauten sie, wie lange die Menschen vor 1996 einen Vertrag hatten.

Da die ersten Mobiltelefone etwa im Jahr 1987 eingeführt wurden, lag die maximale Nutzungsdauer 1996 bei zehn Jahren. Frei und ihr Team ermittelten nun, wie häufig in den Jahren 1990 bis 2007 Hirntumoren auftraten und ob sich ein Zusammenhang mit der Dauer der Funktelefon-Nutzung vor 1996 ergab.

An Tumoren erkrankten 122.000 Dänen im Zeitraum von 17 Jahren

Die Ergebnisse: Nach Daten des dänischen Krebsregisters erkrankten in den 17 untersuchten Jahren insgesamt 122.000 Menschen im ganzen Land an Tumoren.

Die Häufigkeit von Krebserkrankungen bei Menschen mit und ohne Handyvertrag war praktisch identisch, sobald man weitere Risikofaktoren wie Rauchen berücksichtigte. Auch bei den knapp 11.000 Hirntumor-Patienten ließ sich kein signifikanter Zusammenhang mit der Dauer eines Handyvertrages feststellen.

Zufallsbefund bei Männern

Wurde nach unterschiedlichen Tumortypen gefahndet, so war die Gliomrate bei Männern mit Handy zwar um acht Prozent erhöht, der Unterschied war allerdings nicht signifikant.

Die Tatsache, dass eine erhöhte Gliomrate nur bei Männern festgestellt wurde, die weniger als vier Jahre ihren Vertrag hatten, nicht aber bei längerer Handynutzung, spricht für einen Zufallsbefund.

Was die Meningiomrate betrifft, war sie bei Handynutzern sogar um 22 Prozent niedriger als bei Dänen ohne Mobiltelefon, und auch hier ergab sich kein Zusammenhang mit der Dauer der Nutzung, was wohl wiederum für Zufall spricht.

Marginal erhöhte Inzidenz im Temporallappen - aber nur bei Frauen, die weniger als fünf Jahre mobil telefoniert hatten

Bei Frauen gab es keinerlei Unterschiede bei der Prävalenz der einzelnen Hirntumoren. Schließlich schauten die Forscher auch noch, wo die Hirntumoren sich manifestierten. Dabei fanden sie eine marginal erhöhte Inzidenz im Temporallappen, also dem Ort im Gehirn, der die meiste Handystrahlung absorbiert.

Allerdings traf dies nur auf Dänen zu, die weniger als fünf Jahre mobil telefoniert hatten, bei längerer Handynutzung war die Inzidenz von Tumoren im Temporallappen sogar niedriger als bei Menschen ohne Handy.

Insgesamt ergaben die Daten also keinerlei Hinweise dafür, dass die Handynutzung die Gefahr von Hirntumoren erhöht.

Wie häufig jemand telefoniert, wurde nicht erfasst

Ein Kritikpunkt ist natürlich, dass ein Handyvertrag alleine noch nicht viel darüber aussagt, wie häufig jemand telefoniert. Die Autoren gehen jedoch davon aus, dass Personen, die schon früh ein Mobiltelefon hatten und den Vertrag zehn Jahre lang behielten, das Gerät auch regelmäßig nutzten.

Doch gerade bei Langzeitnutzern ließ sich keine erhöhte, sondern eher eine erniedrigte Hirntumorrate feststellen. Dafür, dass Handys Hirntumoren nicht begünstigen, sprechen auch Daten großer skandinavischer Krebsregister. Sie erfassen Angaben zu allen Krebskranken.

So stieg nach Einführung der Handys Ende der 80er-Jahre die Hirntumor-Inzidenz nicht an: Diese blieb bis heute praktisch unverändert.

Professor Ahlbom: Schluss mit weiteren Studien

Nach Ansicht des Umweltmediziners Professor Anders Ahlbom vom Karolinska-Institut in Stockholm sollte nun auch langsam Schluss sein mit neuen Studien.

Da bisher keine einzige epidemiologische Untersuchung konkrete Hinweise zu einem Risiko durch Handystrahlung ergeben habe, und da auch aus Tier- oder Zellkulturversuchen kein Mechanismus ableitbar sei, über den Radiofrequenzen aus Handys kanzerogen wirken könnten, sollte man die Akten zu dem Fall besser schließen.

Es reiche, so Ahlbom in einem Kommentar, wenn man weiterhin die Krebsregister aufmerksam beobachtet.

[21.10.2011, 20:43:37]
Frank Wieland 
Handytelefonierer durch Bericht über Studie in falscher Sicherheit
Es ist mir anhand der Angaben in Ihrem Artikel völlig unverständlich, wie Sie zu der gewählten Überschrift gelangen, dass Handys keinen Krebs fördern. Wenn Menschen,... "die sich erst nach 1995 ein Handy zulegten, als Nichtnutzer eingeordnet." ... wurden bedeutet es, dass alle, die zwischen 1995 und 2007 mit Handys telefoniert haben der Gruppe der "Nichtnutzer" zugeordnet wurden.Gerade in diesen Jahren ist aber die Handynutzung ja stark gestiegen. Wäre in dieser Gruppe also die Inzidenz der Tumoren angestiegen-was aus den Ergebnissen der Studie aufgrund des mangelhaften Designs nicht ablesbar ist- dann würde gerade diese Gruppe, die, obwohl "Nutzer" nicht als solche geführt, dafür sorgen, dass sich der Unterschied zu den "Nutzern" nivelliert. Damit ist die Aussage der Studie m.E. ad absurdum geführt.Das kommt in ihrem Artikel nicht zum Ausdruck. Einer objektiven Beurteilung ist das abträglich.
Eine Ärztezeitung sollte sich der objektiven Darstellung von Gesundheitsgefahren verpflichtet fühlen, es sollte wenigstens Erwähnung finden, dass es auch Studien gibt, welche eine Krebsgefahr durch Handygebrauch sehr wohl sehen(siehe unten).
Dass eine objektive Berichterstattung und Diskussion über potentielle und erwiesene Gefahren des Mobilfunks leider an vielen Stellen unterbunden wird, zeigt sich z.B. daran, dass zur Internationalen Konferenz über elektromagnetische Felder (EMF)am 16./17.Nov.2011 in Brüssel keiner der Wissenschaftler eingeladen wurde, welche in ihren Untersuchungen über gesundheitsschädliche Effekte von pulsierender Mikrowellenstrahlung (=Handystrahlung) berichtet haben. Neuere Studien, wie z.B. die Interphone Study, welche einen eindeutigen Zusammenhang von 10-jähriger täglich halbstündiger Handynutzung und Hirntumoren belegt, werden in ihrem Artikel leider nicht erwähnt. Das ist sehr schade im Sinne einer objektiven Darstellung dieses brisanten Themas. zum Beitrag »

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