Ärzte Zeitung, 03.05.2012

Häufiges Gebiss-Röntgen fördert Hirntumoren

Bereits eine Bissflügelaufnahme pro Jahr erhöht einer US-Studie zufolge das Risiko für ein intrakranielles Meningeom signifikant. Die deutsche Bundeszahnärztekammer verweist jedoch auf die heutzutage geringe Strahlenbelastung durch Röntgen beim Zahnarzt.

Von Christine Starostzik

Hirntumoren nach häufigem Gebiss-Röntgen

Auch wenn moderne Geräte die Strahlenbelastung heute vergleichsweise gering halten, erhöht doch jede Aufnahme die Gesamtexposition.

© photos.com

NEU-ISENBURG. Die Strahlenbelastung bei der zahnärztlichen Diagnostik kann das Risiko für ein intrakranielles Meningeom erhöhen, zumindest mit den früher in den USA üblichen Röntgendosen.

In einer Studie trat dieser Tumor sowohl im Zusammenhang mit häufigen Bissflügel- als auch mit Panoramaschichtaufnahmen signifikant öfter auf als in einer Kontrollgruppe.

Statistiken zufolge war das Meningeom zwischen 2004 und 2006 in den USA mit 33,8 Prozent der häufigste primäre Gehirntumor bei Erwachsenen.

Über eine erhöhte Strahlenexposition als Risikofaktor wurde mehrfach berichtet, meist jedoch im Zusammenhang mit sehr hohen Belastungen wie etwa die einer Atombombe oder einer onkologischen Therapie.

Einzelne Hinweise aus früheren Studien auf einen Zusammenhang zwischen einem Meningeom und häufigen Röntgenaufnahmen beim Zahnarzt konnten in einer Fall-Kontroll-Studie bestätigt werden (Cancer 2012; online 10. April).

1433 Patienten mit Kontrollpersonen verglichen

Die Studie verglich 1433 Patienten mit einem intrakraniellen Meningeom, das zwischen 2006 und 2011 diagnostiziert worden war, mit 1350 Kontrollpersonen. Die Probanden aus verschiedenen amerikanischen Bundesstaaten waren zwischen 20 und 79 Jahre alt.

Sie wurden nach Zahl, Art und Zeitpunkt ihrer Röntgenaufnahmen sowie ihrer Belastung durch Strahlentherapien oder andere Strahlenexpositionen befragt.

Fast alle Probanden hatten in ihrem Leben mindestens eine Bissflügelaufnahme erhalten, drei Viertel berichteten über mindestens eine Übersichtsaufnahme des gesamten Gebisses.

Bereits eine Bissflügelaufnahme pro Jahr erhöhte das Meningeomrisiko signifikant, und zwar unabhängig davon, ob die Aufnahmen mit zehn oder mit 49 Jahren gemacht wurden. Dabei stieg das Risiko mit der Zahl der Röntgenaufnahmen.

Am höchsten war es bei denjenigen, bei denen im Alter zwischen 20 und 49 Jahren mindestens einmal jährlich eine solche Untersuchung gemacht worden war (OR 1,9). Ein noch höheres Tumorrisiko zeigte sich allerdings bei Patienten, bei denen sich der Zahnarzt mithilfe von Panoramaschichtaufnahmen, sogenannten Panorex-Aufnahmen, einen Überblick verschaffen wollte.

Wurde diese Untersuchung mindestens einmal jährlich durchgeführt, erkrankten die Patienten dreimal häufiger als die der Kontrollgruppe. Fand bereits im Alter von unter zehn Jahren eine solche Untersuchung statt, stieg das Risiko auf das Fünffache.

In den vergangenen Jahrzehnten war die Strahlenbelastung in der zahnärztlichen Diagnostik deutlich höher als heute, insbesondere in den USA. Da sich Tumoren wie das Meningeom langsam entwickeln, zeigen sich die Folgen exzessiver Röntgendiagnostik erst viele Jahre später. Dennoch sind die Ergebnisse wichtig, so die Autoren.

Abwägung zwischen Nutzen und Risiko wichtig

Sie geben zu bedenken, dass zahnärztliche Untersuchungen in der Regel die häufigste Quelle einer künstlichen Strahlenbelastung bei Patienten darstellen.

Deshalb warnte die American Dental Association bereits vor einigen Jahren vor dem blinden Einsatz der Röntgendiagnostik bei asymptomatischen Patienten und rät in jedem Fall zu einer Abwägung zwischen Nutzen und Risiko.

Die deutsche Bundeszahnärztekammer betont dagegen die geringe Strahlenbelastung durch Röntgen beim Zahnarzt.

Ihr zufolge gehen nur 0,1 Prozent der effektiven Dosis bei medizinischen Anwendungen auf das Konto der Zahnfilmaufnahmen. So entsprechen 1000 Bissflügelaufnahmen heute etwa der Dosis einer einzigen Thorax-Röntgenaufnahme.

Quelle: www.springermedizin.de

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[05.05.2012, 18:54:11]
Wolfgang Schmid 
Knallpresse
Die Presseagenturen meldeten es, und die Knallpresse druckt es ungeprüft nach.

Wenn Elizabeth Claus von der Yale University und ihre Kollegen nach täglichem Gebrauch von Deospray, nach juveniler Selbstbefriedigung oder nach dem spätnächtlichen Konsum von TV-Serien gefragt hätte, wäre das Ergebnis sicher ähnlich gewesen.

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