Ärzte Zeitung online, 06.02.2018

Onkologie

Sind Wechselstromhauben bei Glioblastom mehr als nur ein Strohhalm?

Eine Studie, bei der Patienten mit Glioblastom mit speziellen Wechselstromhauben behandelt wurden, hat bei vielen Erkrankten Hoffnungen geweckt. Dies sei allerdings verfrüht, schränkt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie ein.

Sind Wechselstromhauben bei Glioblastom mehr als nur ein Strohhalm?

Bei der Tumorfeldtherapie sollen elektrische Wechselfelder das Krebswachstum stoppen.

© Novocure

BERLIN. Eine kürzlich publizierte Studie hat ergeben, dass Patienten mit einem Gliablastom, die 18 Stunden am Tag eine spezielle Wechselstromhaube tragen, eine längere Überlebenszeit haben als Patienten, die die Standardtherapie erhalten (JAMA 2017; 318(23):2306–2316).

 Diese Studie habe bei vielen Patienten Hoffnungen geweckt, allerdings sei es für eine abschließende Bewertung noch zu früh, merkt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) in einer Mitteilung an. Die Studie sei vom Hersteller finanziert worden und müsse erst durch eine unabhängige Untersuchung bestätigt werden.

"Sämtliche betroffenen medizinischen Disziplinen in Deutschland arbeiten derzeit an einer gemeinsamen Strategie, um Wissenslücken zu schließen. Dabei gilt es, die möglichen Vorteile der neuen Therapie in die Praxis zu bringen, aber auch, unrealistische Hoffnungen zu vermeiden", wird Professor Wolfgang Wick von der DGN in der Mitteilung zitiert.

Hauben erzeugen elektrische Felder

Annähernd 700 Patienten mit einem neu diagnostizierten Glioblastom hatten an der vom Hersteller Novocure finanzierten Studie teilgenommen. Dabei hatte randomisiert ein Drittel der Patienten nur die Standardtherapie erhalten, bei der nach der Tumorentfernung eine kombinierte Strahlen- und Chemotherapie erfolgt. Zwei Drittel der Patienten erhielten zusätzlich die Wechselstromhauben, die mindestens 18 Stunden am Tag getragen werden müssen.

Die Hauben erzeugen elektrische Wechselfelder, die sogenannten Tumortherapiefelder (TTF), welche durch die Schädeldecke abgegeben werden und die Teilung von Krebszellen verhindern sollen. Patienten, die eine solche Haube trugen, überlebten im Durchschnitt 20,9 Monate gegenüber 16 Monaten für Patienten unter der Standardbehandlung. Das progressionsfreie Überleben betrug bei Patienten, die mit TTF behandelt wurden, 6,7 Monate, bei Patienten, die die Standardtherapie erhielten 4 Monate, berichtet die DGN.

Als zusätzliche Nebenwirkungen habe es unter den TTF Hautreizungen bei etwa der Hälfte der Patienten gegeben. Nicht gemessen worden sei eine mögliche psychische Belastung, die dadurch entstehen könnte, dass die Patienten die mit einem Kabelstrang versorgte Haube dauerhaft auf dem Kopf tragen müssen.

Experten haben Zweifel

"Wir sehen in den TTF Potenzial; möglicherweise sind sie eine sinnvolle Behandlungsergänzung", wird Professor Uwe Schlegel, einer der Autoren der Leitlinie "Hirntumoren" der DGN und Mitglied im Beirat der Neuroonkologischen Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Krebsgesellschaft, zitiert. "Für eine abschließende Bewertung ist aber eine vom Hersteller der Geräte unabhängige Studie wichtig."

Viele Kollegen sähen die TTF kritisch und hätten Zweifel an der Auswahl der Patienten. "Viele halten es für möglich, dass nicht die Methode selbst, sondern die zusätzliche Betreuung in der Studie die Unterschiede in der Überlebensdauer erklären könnte", so Schlegel. Auch seien viele Patienten zurückhaltend, wenn ihnen klar werde, dass die TTF nur einen in wenigen Monaten zu bemessenden Aufschub der Erkrankung bedeute und nicht etwa Heilung.

Die DGN kritisiert, für die Systeme werde ein intensives Marketing betrieben. Anträge auf Erstattung der Kosten von monatlich etwa 23.000 Euro pro Patient würden von den Krankenkassen in Deutschland meist bewilligt, allerdings gebe es keine Empfehlung in nationalen oder Europäischen Leitlinien. Die TTF werde in Europäischen und US-amerikanischen Leitlinien lediglich als Option erwähnt.

"Die im Sommer letzten Jahres publizierten Protokolle aus den Diskussionen beim für die Kostenerstattung zuständigen GBA legen nahe, dass für Deutschland eine weitere kontrollierte Studie durchgeführt werden soll, bevor über eine allgemeine Kostenerstattung gesprochen werden kann", so Wick. (eb)

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