Ärzte Zeitung online, 29.08.2018

Metformin

Antidiabetikum gibt Gliompatienten etwas Hoffnung

Die Therapie von Gliompatienten mit Metformin ist mit längerem Überleben assoziiert, berichten Forscher aus Regensburg. Sie haben Registerdaten aus Bayern retrospektiv analysiert.

Von Peter Leiner

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Ist Metformin ein wirksames Medikament gegen Krebs? Das wird momentan in über 300 Studien untersucht.

© Zerbor / Fotolia

REGENSBURG. Bei Patienten mit Typ-2-Diabetes und Metformintherapie ist schon häufiger eine reduzierte Krebsinzidenz aufgefallen. So wurde dieser Zusammenhang in einer ganzen Reihe von epidemiologischen Studien und Metaanalysen beobachtet. Darüber hinaus ist eine antitumorale Wirksamkeit des Antidiabetikums bereits in "in-vitro"- und Tierversuchen belegt worden.

Neuroonkologen vom Zentrum für Hirntumoren des Universitätsklinikums Regensburg haben daher jetzt den Zusammenhang bei Patienten mit einem Gliom im Spätstadium (WHO-Grad III oder IV) überprüft. Dazu wurden in einer retrospektiven Kohortenstudie Daten des Krebsregisters Regensburg ausgewertet, berichten Dr. Corinna Seliger und ihre Kollegen (Int J Cancer 2018; online 8. August).

Die Daten stammen von Patienten aus der Oberpfalz und aus Niederbayern, das Register deckt dabei 98 Prozent aller diagnostizierten Krebsfälle in dieser Region mit 2,1 Millionen Einwohnern ab. Unter anderen haben über 1500 niedergelassenen Onkologen die Daten erhoben.

Einfluss von mutiertem Enzym-Gen?

In der Studie wurden Befunde von fast 1100 Gliompatienten aus den Jahren 1998 bis 2013 berücksichtigt. Geprüft wurde bei den Krebspatienten der Zusammenhang zwischen einer Behandlung mit Metformin und dem Gesamtüberleben sowie dem progressionsfreien Überleben.

Untersucht wurde zudem die Hypothese, dass die Assoziation vor allem auf Mutationen im Gen für das Enzym Isocitratdehydrogenase (IDH 1) beruht. Diese kommen deutlich häufiger bei Grad-III- als bei Grad-IV-Gliomen vor.

Höhere Überlebensraten

Ergebnis: Die Metforminbehandlung war mit einer signifikant höheren Überlebenswahrscheinlichkeit assoziiert, berichten Seliger und ihre Kollegen. Bei Grad-III-Patienten (n=231) war die Wahrscheinlichkeit, nach fünf Jahren noch zu leben, mit Metforminbehandlung um 70 Prozent höher als ohne Therapie mit dem Antidiabetikum (Hazard Ratio: 0,30).

Darüber hinaus ergab sich bei Grad-III-Patienten auch ein signifikant längeres progressionsfreien Überleben mit Metformintherapie als ohne (HR: 0,29). Bei Grad-IV-Patienten (n=862) gab es bei diesen Parametern dagegen keinen signifikanten Zusammenhang mit einer Metformintherapie (HR: 0,83 bzw. 0,85).

Im Median lebten die Patienten der Gesamtgruppe noch 1,2 Jahre, Grad-III-Patienten noch 3,2 und Grad-IV-Patienten noch ein Jahr. Beim progressionsfreien Überleben waren es 0,8 (Gesamtgruppe), 2,5 (Grad III) und 0,7 Jahre (Grad IV).

Signifikant besseres Gesamtüberleben

Von den 177 Krebspatienten, die auch Diabetiker waren, erhielten 55 Metformin (32 als Monotherapie), 34 einen Sulfonylharnstoff, 55 Insulin, 26 ein Glitazon und sieben ein anderes Antidiabetikum. Die Metforminbehandlung war nach Angaben der Ärzte in einer Multivariatanalyse mit einem signifikant besseren Gesamtüberleben (HR: 0,62) und progressionsfreien Überleben (HR: 0,71) assoziiert, was für Sulfonylharnstoffe, Insulin und Glitazone nicht zutraf, auch nicht für Kombitherapien.

Schließlich wurde der Einfluss des IDH-Mutationsstatus auf das Überleben untersucht. Bei 55 Studienteilnehmern wurden Mutationen in dem Enzym-Gen nachgewiesen. Bei ihnen habe sich unter Metformin zumindest ein Trend zu einem längeren Überleben ergeben, so die Ärzte. Allerdings hatten nur fünf Patienten mit Mutation eine solche Therapie erhalten. Zudem waren IDH-Mutationen an der Klinik in Regensburg erst ab 2009 routinemäßig getestet worden.

Da die Zahl der Patienten mit Grad-III-Gliomen in der Studie relativ klein gewesen sei, müssten die Ergebnisse in weiteren Studien überprüft werden. Zudem gebe es bei den Resultaten zu den Antidiabetika möglicherweise Verzerrungen: Diabetiker werden meist zu Beginn der Zuckerkrankheit mit Metformin behandelt. Die Therapie mit anderen Antidiabetika sei eher mit länger dauerndem und schwererem Diabetes assoziiert.

Fazit der Studie

  • Bei WHO-Grad-III-Gliomen sind Gesamtüberleben und progressionsfreies Überleben der Betroffenen mit einer Metforminbehandlung signifikant höher als ohne die Therapie.
  • Mögliche Erklärung: Bei Grad-III-Patienten kommen häufig IDH-Mutationen vor. Diese könnten das Ansprechen auf Metformin, das das Wachstum von Gliomzellen hemmt, erhöhen.
  • Einschränkung: Die Zahl der Patienten mit Grad-III-Gliomen war relativ klein. Das Ergebnis muss daher bei größeren Patientenzahlen bestätigt werden.

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