Ärzte Zeitung, 25.07.2006

"Jede peranale Blutung ist eine Indikation zur Koloskopie"

Britische Praxisstudie: Jeder zehnte über 45 mit rektalen Blutungen hatte Polypen oder Krebs / Endoskopie ist in Deutschland Goldstandard

BRISTOL (ner/gwa). Einer von zehn Patienten über 45 mit neu aufgetretenen rektalen Blutungen hat Dickdarm-Polypen oder Krebs, so das Ergebnis einer britischen Praxisstudie. Deshalb sollten Patienten mit rektalen Blutungen stets eine komplette Dickdarm-Untersuchung bekommen, betonen die Kollegen.

Das empfehlen auch Spezialisten in Deutschland. Allerdings: Im Gegensatz zu Großbritannien ist bei uns die totale Koloskopie Goldstandard bei peranalen Blutungen.

In einer Landarztpraxis in der Nähe von Bristol haben Dr. Jennifer du Toit und ihre Kollegen innerhalb von zehn Jahren prospektiv 265 Patienten untersucht, die über 45 Jahre alt waren und wegen neu aufgetretener rektaler Blutungen gekommen waren. Die Patienten erhielten - wie in Großbritannien üblich - meistens eine Sigmoidoskopie sowie eine komplette Dickdarmuntersuchung per Barium-Kontrasteinlauf (BMJ 333, 2006, 69).

Nur einige wurden koloskopiert. Bei knapp sechs Prozent der Patienten wurde ein Kolonkarzinom und bei knapp fünf Prozent wurden Kolon-Adenome festgestellt. Adenome gelten als potentielle Krebsvorstufe.

    Diagnose Hämorrhoidal-
blutung schließt Kolorektalkrebs nicht aus.
   

Was auch auffiel: Nur zwei der Patienten mit Dickdarmkrebs hatten eine Diarrhoe. Fazit der Kollegen: Patienten mit rektalen Blutungen sollten unbedingt eine komplette Dickdarm-Untersuchung bekommen, unabhängig davon, ob sie weitere Symptome wie Stuhlunregelmäßigkeiten haben.

Daß bei rektalen Blutungen grundsätzlich eine komplette Untersuchung des Kolons indiziert ist, betonen auch Spezialisten wie Professor Jürgen F. Riemann vom Klinikum der Stadt Ludwigshafen. Allerdings: In Deutschland ist ein Kolonkontrasteinlauf zur Suche nach Blutungsquellen, Krebs oder Polypen obsolet, sagte Riemann zur "Ärzte Zeitung".

Deshalb: "Jede peranale Blutung ist eine Indikation zur totalen Koloskopie!" Eine Spiegelung nur des unteren Dickdarms genügt nicht. Auch die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten weist darauf hin, daß bei Symptomen und Befunden, die auf ein Dickdarmkarzinom hinweisen, eine Koloskopie indiziert ist.

Wichtig: Man dürfe sich bei rektalen Blutungen nicht mit der Diagnose Hämorrhoiden-Blutung zufrieden geben, betonte Riemann. Sonst könne es passieren, daß Patienten eine erfolgreiche Hämorrhoidaltherapie erhielten - und zwei bis drei Jahre später würde dann ein fortgeschrittenes Kolonkarzinom symptomatisch und diagnostiziert. Mit solchen Verläufen ist Riemann als Gutachter immer wieder konfrontiert worden.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Was geht’s Patienten in Deutschland gut!

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Hüpfen und Einbeinstand halten fit

Hüpfen, Treppensteigen oder auf einem Bein Zähneputzen: Mit bewussten, einfachen Übungen können alte Menschen ihre Beweglichkeit erhöhen und die Sturzgefahr senken. mehr »

Das sind die Gewinner des Galenus-von-Pergamon-Preises 2017

Mit dem Galenus-von-Pergamon-Preis, der auch international große Anerkennung findet, wurden erneut Exzellenz in der pharmakologischen Grundlagenforschung und die Entwicklung innovativer Arzneimittel gekürt. mehr »

Demenz oder Depressionen?

Benennen ältere Patienten von sich aus kognitive Defizite, sollten Ärzte hellhörig werden: Häufig liegt dann keine Demenz, sondern eine Depression vor. mehr »