Ärzte Zeitung, 23.11.2012
 

Obstipation

Ärzte trauen Laxantien wenig zu

Obstipierte Patienten sind mit der Wirkung ihrer Laxantien größtenteils hoch zufrieden. Allerdings: Viele Ärzte scheinen nicht so ganz an diese Substanzklasse zu glauben.

Von Philipp Grätzel von Grätz

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Bevor man auf der Toilette Wurzeln schlägt, ist es besser, Laxantien einzunehmen. Die meisten Patienten kommen gut damit zurecht.

© Herbie / fotolia.com

HAMBURG. "Wir Ärzte sind für Patienten längst nicht mehr die primären Ansprechpartner, wenn es um Obstipation geht", sagte Professor Joachim Erckenbrecht vom Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf.

Bei der Jahrestagung der DGVS in Hamburg berichtete er von einer Studie, bei der 1766 Patienten befragt wurden, die in Apotheken Laxantien erworben hatten.

"73 Prozent dieser Patienten geben an, vorher nicht mit dem Arzt gesprochen zu haben", berichtete Erckenbrecht. Nur jeder vierte besorgt sich sein Laxans auf Empfehlung des Arztes.

In derselben Studie wurden die Patienten auch gefragt, wie sie die Wirksamkeit der (unterschiedlichen) Laxantien bewerteten, die sie einnahmen. Satte 94 Prozent gaben an, dass ihr Laxans gut oder sogar sehr gut wirke.

Kontraste bei Online-Umfragen

Diese Zahlen konnten kürzlich in einer Internetbefragung von Professor Stefan Müller-Lissner von der Park-Klinik Berlin bestätigt werden (Z Gastoenterol 2012; 50: 573-577). Teilgenommen haben 492 obstipierte Patienten.

Vier von fünf gaben an, Laxantien einzunehmen. Und auch hier stuften rund 90 Prozent der Laxantiennutzer die Wirksamkeit ihrer Behandlung als gut oder sehr gut ein.

Das stand in scharfem Kontrast zu einer auf gleichem Weg durchgeführten Ärztebefragung, bei der etwa die Hälfte der Ärzte angab, weniger als 20 Prozent der mit Laxantien therapierten Patienten seien mit der Behandlung zufrieden. Damit hängen sie Mythen an, die kaum aufrecht zu erhalten sind.

Wer es trotz hoher Zufriedenheitswerte erst einmal ohne Laxantien probieren möchte, für den gibt es eine Reihe nicht medikamentöser Maßnahmen, die allerdings nicht alle gleich sinnvoll sind.

Müller-Lissner empfahl, die Patienten zunächst einmal darüber aufzuklären, dass eine niedrige Stuhlfrequenz alleine nicht medizinisch problematisch sei. Erst wenn bei den Patienten tatsächlich Beschwerden bestehen, ergibt sich auch eine Therapieindikation.

Exzessives Trinken nützt nichts

Flüssigkeit über das normale Maß von einem bis anderthalb Liter am Tag hinaus zu sich zu nehmen, mache keinen Sinn, sagte der Experte. Für körperliche Aktivität ist lediglich nachgewiesen, dass sie bei gesunden Menschen die Darmtätigkeit stimuliert.

Ob das auch bei Obstipation funktioniert, ist dagegen eher zweifelhaft. Eine Studie, in der obstipierten Patienten ein Fitnessprogramm ärztlich verordnet wurde, fiel negativ aus.

Eine probatorische Behandlung mit Ballaststoffen hält der Experte für sinnvoll und in ihrer Effektivität gesichert. Auch hier ist der stuhlfördernde Effekt bei nicht obstipierten Menschen allerdings deutlich ausgeprägter.

Von den obstipierten Patienten mit Defäkationsstörung können Müller-Lissners Erfahrung zufolge 40 Prozent bei Ballaststofftherapie mit einer Besserung rechnen. Bei den Patienten mit Transitstörung sind es nur 20 Prozent.

Helfen Ballaststoffe nicht, kommen Laxantien zum Einsatz. Hierbei gibt es nicht das eine Präparat, das allen hilft.

In seiner Internetbefragung konnte Müller-Lissner zeigen, dass viele Patienten durchaus eine Weile probieren, bis sie das für sie passende Laxans gefunden haben. Nur knapp die Hälfte war gleich mit dem ersten Präparat zufrieden.

40 Prozent gaben an, zwei bis vier Präparate ausprobiert zu haben. Und bei knapp jedem fünften waren es noch mehr.

Untersuchungen zum realen Einnahmeverhalten bestätigen: Die allermeisten Patienten können mit ihren Laxantien gut umgehen.

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