Ärzte Zeitung, 30.06.2015

Geschlechtsspezifische Therapien

Gender-Medizin-Kongress in Berlin

BERLIN. Im Interesse weiblicher Patienten mehr Aufmerksamkeit für die Pharmakokinetik! Das fordert Professor Karen Nieber. Die Leipziger Pharmakologin ist Referentin beim Internationalen Kongress für Geschlechterforschung in der Medizin im September in Berlin.

Man müsse viel früher als bisher ansetzen, in der Zellforschung, beim Tierexperiment, um die Wirksamkeit eines Medikamentes zu ermitteln, so Nieber in einem Interview vorab zum Kongress. Die Forderung vieler Forscher, männliche und weibliche Labortiere getrennt zu untersuchen oder aber Zellkulturen wie Blutzellen von Männern und Frauen zu verwenden, weil hier schon die Unterschiede offensichtlich werden, scheine auf den ersten Blick leicht zu erfüllen.

Sie stoße aber oft noch auf Widerstände, zumal in Deutschland. Dabei gebe es schon aufschlussreiche Ergebnisse, etwa zur geschlechtsspezifischen Regulation eines Enzyms bei Entzündungsreaktionen durch Jenaer Pharmazeuten.

Beim Kongress will Nieber geschlechtsspezifische Unterschiede in der Pharmakokinetik und Pharmakodynamik an Beispielen vorstellen. Sie sei in ein Projekt eingebunden gewesen, bei dem es um neue Ansatzpunkte von pflanzlichen Wirkstoffen bei funktionellen Darmerkrankungen geht, berichtet die Pharmakologin.

"In einem Teilthema, das zum Teil aus Mitteln der Europäischen Union gefördert wurde, untersuchten wir Unterschiede in Ausprägung und Induktionsmechanismen bei weiblichen und männlichen Tieren.Das lieferte wichtige Erkenntnisse für mögliche zukünftige geschlechtsspezifische Therapiestrategien bei Darmerkrankungen."

"Aufnahme und Verteilung sowie Umsetzung eines Arzneimittels im Körper verlaufen, das wissen wir heute, bei Frauen und Männern unterschiedlich. Unterschiede gibt es in der Wasser-Fett-Verteilung, bei der Plasma-Eiweiß-Bindung oder bei den Metabolisierungsprozessen", so Nieber.

Diese Unterschiede zu berücksichtigen sei eine notwendige Voraussetzung für die richtige Dosisanpassung. "Wir brauchen deshalb dringend umfassende Studien, die die bestehenden Kenntnislücken schließen." (eb)

Internationaler Kongress für Geschlechterforschung in der Medizin; 22.-23.09. in Berlin; www.gendermed.info

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