Ärzte Zeitung, 06.01.2017

Verwechslungsgefahr

Warum Ärzte zu oft einen Reizdarm diagnostizieren

Aufgrund ihrer Häufigkeit müssen einige Darmkrankheiten bei Reizdarm-Symptomen gezielt ausgeschlossen werden. Mediziner müssen dabei wissen, auf welche Merkmale sie achten sollten.

Von Marlinde Lehmann

Warum Ärzte zu oft einen Reizdarm diagnostizieren

Patienten mit Reizdarmsymptomen haben öfters andere Leiden.

© Piotr Marcinski / Fotolia

WIESBADEN. Neue Studien untermauern, wie wichtig eine aktive diagnostische Abklärung bei vermutetem Reizdarmsyndrom sind. "Es ist nicht hinnehmbar, dass auf die Diagnosestellung von relevanten, teilweise ernsthaften und kausal zu therapierenden Krankheiten leichtfertig verzichtet wird", appelliert Professor Peter Layer vom Israelitischen Krankenhaus Hamburg.

Dies gelte etwa für die mikroskopische Colitis und besonders für chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED), speziell den Morbus Crohn, die oft erst nach jahrelanger Verzögerung und Fehltherapie aufgedeckt würden.

Beim Internisten Update hat der Gastroenterologe Layer Studien vorgestellt, auf deren Ergebnisse sein Appell gründet.

Metaanalyse miteinbezogen

Eine Metaanalyse (Clin Gastroenterol Hepatol 2016; 14:659-668.e1), in die zehn Studien mit jeweils mindestens 50 Teilnehmern einbezogen wurden, hat ergeben, dass ein Drittel der Patienten mit mikroskopischer Colitis "das Symptombild des Reizdarmsyndroms perfekt imitiert".

Die korrekte Diagnosestellung gelinge nur mit Koloskopie und Stufenbiopsien, erinnerte Layer.

Eine mikroskopische Colitis liege bei etwa 7 Prozent der Patienten mit schwerer chronischer Diarrhoe vor, so Layer. Dabei seien besonders ältere Menschen sowie Frauen betroffen. In Leitlinien werde Budesonid als Erstlinientherapie favorisiert.

Fall-Kontroll-Studie liefert Daten von 20.000 Patienten

Nach den Resultaten einer Fall-Kontroll-Studie, in der die Daten von über 20.000 Patienten mit CED und der zehnfachen Zahl gematchter Kontrollpersonen analysiert wurden, gab es bei CED-Kranken dreifach häufiger in der Anamnese ein "Reizdarmsyndrom" (United European Gastroenterol J 2014; 2:505-12).

Dies betraf 15 Prozent der CED-Patienten (Kontrolle: 5 Prozent). Bei 11 Prozent (Kontrolle: 5 Prozent) lag der Hinweis "Reizdarmsyndrom" schon mehr als ein Jahr vor Diagnose der CED zurück, bei 6 Prozent (Kontrolle: 3 Prozent) über 5 Jahre.

Ähnlich viele Patienten hatten wegen ihrer Beschwerden langfristig eine Therapie mit Spasmolytika verschrieben bekommen, ohne dass explizit ein Reizdarmsyndrom diagnostiziert worden war.

Zusammenhang zwischen Reizdarm und kolorektalen Adenomen

Bemerkenswert ist für Layer auch eine Studie, in der erstmals der Zusammenhang zwischen Symptomen eines Reizdarmsyndroms und kolorektalen Adenomen und Karzinomen aufgezeigt worden sei.

Die Autoren dieser Studie haben die langfristig erhobenen Daten von Personen analysiert, die an einem Darmkrebs-Screening-Programm teilgenommen, aber kein kolorektales Karzinom hatten (Br J Cancer 2015; 112:171-6).

Sie stellten fest, dass Studienteilnehmer mit Vollbild eines Reizdarmsyndroms (23 Prozent) signifikant mehr kolorektale Karzinome entwickelten als beschwerdefreien Kontrollpersonen. Auch für invasive kolorektale Karzinome habe sich eine 20-prozentig erhöhte Prävalenz ergeben, so Layer.

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[08.01.2017, 13:54:26]
Hartmut Hollerbuhl 
Gesetzesfreiheit für Hersteller von Medizinprodukten?
Ihr berechtigt sehr kritischer Artikel deckt sich mit einigen Bedenken, die ich regelmäßig entwickle, wenn ich im Vorabendprogramm mit aller möglichen Werbung "beballert werde". Unter anderem wird das rezeptfreie Präparat Kijimea gegen Reizdarm beworben, welches sich wie ein Pflaster auf Mikrorisse in der Darmwand legen soll. Rezepfrei heißt aber für mich, dass kein Arzt nötig ist, der vor Bezug des Präparates z.B. ein Colon-karzinom ausgeschlossen hat. Darf es so etwas geben? Des Weiteren habe ich vernommen, dass selbst die Wirksamkeit des enthaltenen Bakterienstammes nicht sicher sei. Aber das sei hintangestellt...  zum Beitrag »

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