Ärzte Zeitung, 07.10.2010

Häufiges Spucken - Hinweis auf Milchallergie

Spucken, Schreien, Unruhe - diesen Symptomen von gastroösophagealem Reflux bei Säuglingen und Kleinkindern liegt am häufigsten eine Kuhmilchallergie zugrunde. Deshalb hat nach einem aktuellen Konsens die Abklärung dieser Ursache Priorität.

Von Angela Speth

Häufiges Spucken - Hinweis auf Milchallergie

Spucken bei Babys: bloß Unreife des Ösophagus-Sphinkters oder gar Symptom einer Störung?

© Yvonne Bogdanski / fotolia.com

POTSDAM. Gastroösophagealer Reflux (GÖR) tritt bei 50 bis 70 Prozent der gesunden Säuglinge auf. Der Rückfluss von Mageninhalt in die Speiseröhre geht auf eine Unreife des Ösophagus-Sphinkters zurück. Gelangt der Speisebrei bis in Mund oder Pharynx, spricht man von Spucken (Regurgitation), erläuterte Dr. Kirsten Beyer bei der 106. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin in Potsdam.

Eine gastrointestinale Refluxkrankheit (GÖRK) liegt nach einem internationalen evidenzbasierten Konsenspapier dann vor, wenn es zu Beschwerden oder Komplikationen wie Ösophagitis kommt (Monatsschrift Kinderheilkunde 2010; 158: 164). GÖRK-Symptome sind: Spucken mehr als fünf Mal täglich, Nahrungsverweigerung, Schreien, Unruhe, Bauchschmerzen, Erbrechen, Husten, Verschlucken, Schluckauf, Schlaf-, Gedeih- und chronische respiratorische Störungen. Beyer wies allerdings darauf hin, dass Kinder unter acht Jahren Refluxsymptome nicht verlässlich angeben können.

Als Auslöser einer GÖRK kommen Nahrungsallergien, Fehlbildungen, neurologische Erkrankungen oder zystische Fibrose in Betracht. Bei etwa der Hälfte der Kinder mit GÖRK ist die Ursache eine Kuhmilchallergie (KMA). Deren Prävalenz schwankt bei Kindern bis vier Jahre erheblich: 1 bis 2 Prozent sind es im Süden Europas, 4 bis 8 Prozent im Norden, hat die große Studie EuroPrevall ergeben (www.europrevall.org).

Eine KMA kann sich nicht nur als gastrointestinale Störung äußern, die dann selten IgE-vermittelt ist, berichtete Beyer. Eine weitere potenzielle Manifestation ist die atopische Dermatitis, wobei ein mittlerer Anteil der Patienten IgE-Antikörper aufweist. Möglich sind auch - meist IgE-assoziierte - Sofortallergien, die in vielen Organen Symptome auslösen können, etwa in Haut und Gewebe Juckreiz und Quincke-Ödem, im Atemtrakt Niesen oder Giemen.

Da eine GÖRK am häufigsten auf einer Kuhmilchallergie basiert, empfahl die Allergologin von der Charité Berlin deren Abklärung als erste diagnostische Maßnahme. Für die Praxis schlug sie vor: Familienanamnese, Erheben der Symptome und eventuell Allergietests, die allerdings kein zuverlässiges Urteil erlauben.

Die beste Diagnose-Methode sei daher eine Eliminationsdiät mit einer Nahrung aus freien non-allergenen Aminosäuren (Neocate), sagte Beyer auf einem Symposium des Unternehmens Nutricia. Haben sich die Beschwerden nach zwei bis vier Wochen gebessert, sei eine erneute sorgfältig überwachte Provokation mit Kuhmilch angezeigt. Bei eindeutigen oder schweren Sofortreaktionen und hohen IgE-Werten erfolgt für sechs bis 18 Monate eine therapeutische Diät mit den Aminosäure-Formula. In Studien schrien damit gefütterte Babys bereits nach zehn Tagen signifikant kürzer und spuckten seltener. Extensive Kuhmilchhydrolysate eignen sich Beyer zufolge nur bedingt für Diagnose und Behandlung der Kuhmilchallergie, weil sie eine Restallergenität besitzen, sodass 40 Prozent der Kinder weiter gastrointestinale Symptome haben. Schafs- oder Ziegenmilch sei wegen Kreuzreaktionen ebenfalls unangebracht.

Beyer riet zu jährlichen Überprüfungen, da die Allergie bei den meisten Kindern mit der Zeit abklingt. Bis dahin sei besonders mit abgepackten Lebensmitteln Vorsicht geboten, denn viele, etwa Orangengetränke, enthalten Milchbestandteile, ohne dass dies, zumal für Kinder, ersichtlich ist. Hier helfe nur ein genauer Blick auf den Packungsaufdruck, denn solche Zusätze sind kennzeichnungspflichtig. Eine Kuhmilchallergie sei bei Kleinkindern auch die häufigste Ursache einer Anaphylaxie. Meist tritt sie nicht aus heiterem Himmel auf, sondern die Kinder hatten vorher schon Symptome wie Quaddeln oder generalisierte Urticaria oder verweigerten Milchprodukte.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Angst vor Stürzen sorgt für Verzicht auf Antikoagulans

Ein erhöhtes Sturzrisiko ist noch immer der häufigste Grund, auf eine orale Antikoagulation bei Vorhofflimmern zu verzichten. mehr »

Warum der Zuckersirup zum dicken Problem werden könnte

Seit Anfang Oktober gibt es in der EU keine Quotenregelung mehr für die aus Mais, Getreide oder Kartoffeln gewonnene Isoglukose. Experten befürchten eine Zunahme von Übergewicht und Diabetes. mehr »

Stotter-Therapie im virtuellen Raum

Geschätzt über 800.000 Bundesbürger stottern. Viele von ihnen ziehen sich komplett zurück, weil sie Ablehnung fürchten. Ein Ausweg: Therapie-Methoden, bei denen man zunächst zu Hause sprechen übt – online. mehr »