Ärzte Zeitung online, 03.12.2018

US-Forscher

Früh eingeschulte Kinder häufiger mit ADHS-Diagnose

Früh eingeschulte Kinder häufiger mit ADHS-Diagnose

Nur ein bisschen verträumt oder doch schon auffällig unkonzentriert? US-Forscher haben die Diagnose ADHS bei früh eingeschulten Kindern unter die Lupe genommen.

© Monkey Business Images Ltd / Thinkstock

BOSTON/WÜRZBURG. Nach der Einschulung erhalten die jüngsten Kinder in einer Klasse weit häufiger eine ADHS-Diagnose als ihre ältesten Mitschüler, berichten US-Forscher der Harvard Universität (NEJM 2018; 379: 2122-2130). Sie werteten Versichertendaten von mehr als 400.000 Mädchen und Jungen aus, die zwischen 2007 und 2009 geboren wurden. Dabei berücksichtigten sie die ADHS-Diagnosen bis Ende 2015.

In 18 US-Staaten ist der 1. September der Stichtag für die Einschulung in eine Art Vorschule, in den USA Kindergarten genannt. Wer bis zum 31. August fünf Jahre alt wird, muss eingeschult werden, wer nach dem 1. September Geburtstag hat, muss noch ein Jahr warten.

Die Rate von ADHS-Diagnosen und ADHS-Therapien war in diesen 18 Staaten bei den Augustkindern um 34 Prozent höher als bei den knapp ein Jahr älteren Septemberkindern. In US-Staaten mit flexibler Einschulung gab es diese Auffälligkeit nicht. Möglicherweise werde ADHS bei vielen Kindern überdiagnostiziert, weil sie in den ersten Schuljahren im Vergleich zu ihren Klassenkameraden noch relativ unreif seien, sagte Erstautor Timothy Layton.

Schon frühere Studien hatten einen Zusammenhang zwischen frühem Einschulungsalter und ADHS-Diagnose belegt. „Es kann sein, dass manche Kinder ein falsches Etikett bekommen“, sagte der ADHS-Experte Marcel Romanos von der Uniklinik Würzburg, der Deutschen Presse-Agentur. An eine große Zahl von Fehldiagnosen glaubt der Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Würzburg allerdings nicht. Schließlich werde die Diagnose nur dann gestellt, wenn die Betroffenen in mehreren Lebensbereichen beeinträchtigt seien, nicht nur in der Schule.

Kinder später einzuschulen, sei keine Lösung, meinte er. Positiv findet Romanos, dass Lehrkräfte heute sehr aufmerksam sind und Eltern darauf hinweisen, wenn Schüler Konzentrationsprobleme hätten oder nicht still sitzen könnten.

In den USA stieg die Zahl der ADHS-Diagnosen in den vergangenen 20 Jahren dramatisch an, allein 2016 wurden nach Mitteilung der Harvard Medical School über fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen deshalb mit Medikamenten behandelt. In Deutschland sei die Zahl der Diagnosen seit einigen Jahren stabil und habe sich laut Erhebungen des Robert Koch-Instituts (RKI) zuletzt sogar reduziert, sagt Romanos. Ein bis zwei Prozent der Kinder werden dem Experten zufolge medikamentös behandelt. (dpa)

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[03.12.2018, 16:49:28]
Maximilian Micka 
Könnt Ihr mal bitte unsere Kinder in Ruhe lassen?!
ADHS mag bei wenigen Kindern wirklich von klinischer Relevanz sein.
Beeinträchtigungen in "mehreren Lebensbereichen [...]nicht nur in der Schule" findet man doch nur sehr selten.

Die jünger eingeschulten Kinder bekommen meiner Ansicht nach eher den Stempel "ADHS" aufgedrückt, weil diese Kinder in jüngeren Jahren intelligenter sind als ihre Klassenkameraden, sich schneller im Unterricht langweilen - gerade in den ersten Klassen der Grundschule - und unsere sogenannten Pädagogen (Pädagoginnen)diesen Kindern schlicht nicht gewachsen sind.

Herrn Marcel Romanos von der Uniklinik Würzburg muss man höchste Naivität unterstellen, wenn er die Zahl der Fehldiagnosen unterschätzt. Diese sind induziert durch Drängen der Kindergärtnerinnen, Erziehrinnen und Lehrerinnen, den quirligen Balg mal untersuchen zu lassen, weil er / sie sich nicht in den langweiligen Sitzkreis setzen mag, lieber bunt malt statt einfarbig oder beim Lesen vielleicht schon drei Seiten weiter ist und deshalb unaufmerksam wirkt. Ich habe niedergelassene Kinderpsychologen erlebt, die "die Stoffwechselprozesse im Gehirn optimieren wollten" nur, weil der Knabe in der ersten Klasse aus Langeweile ständig aufs Klo rennt.

Hallo Schubladen-Schul- und Bildungssystem! Warum ist bei Euch niemand in der Lage sich mit diesen Kindern richtig auseinander zu setzen?

Ich bin Hausarzt auf dem Land. Ich verfolge seit vielen Jahren die Entwicklung meiner jungen Patienten und mache mir auch Gedanken über deren woher und wohin. So schnell wie eine Grundschullehrerin stellt hierzulande keiner die Diagnose ADHS und mancher niedergelassene Kinderpsychiater verschreibt dann seine Drogen, mit dem Nebeneffekt, einen Patienten über Jahre quartalsweise wieder einbestellen zu können, zur Kontrolle, Blutuntersuchung usw.

Lasst unsere Kinder mit den Medikamenten in Ruhe, nur weil sie nicht in betimmte Schubladen passen wollen. Das ist grotesk! Ritalin gilt in den USA unter Studenten als klasse Doping vor Klausuren und Prüfungen, weil man sich besser konzentrieren kann. So viel auch zur Vergleichbarkeit der Studiendaten.  zum Beitrag »

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