Ärzte Zeitung online, 03.07.2011

Deutsche Wissenschaftler entdecken Angst-Gen

MÜNSTER (dpa). Deutsche Wissenschaftler haben eines der Hauptgene ausfindig gemacht, die beim Menschen die Anfälligkeit für Ängste steuern.

Deutsche Wissenschaftler entdecken Angst-Gen

Die Angst von Menschen und Tieren wird durch mehrere Gene beeinflusst. Eines der Hauptgene wurde jetzt identifiziert.

© DWerner / fotolia.com

"Wir haben jetzt ein Gen gefunden, das ausgesprochen spannend ist, weil es sowohl bei Tieren als auch bei Menschen für Angst eine Rolle zu spielen scheint", sagte die Psychiaterin Professor Katharina Domschke vom Universitätsklinikum Münster (UKM) der Nachrichtenagentur dpa.

Zwar gehe die Forschung von insgesamt 30 bis 100 Genen aus, die zusammenspielen müssen, um das genetische Risiko zu bedingen.

 "Aber dieses scheint eines der Gene zu sein, die eine wesentliche Rolle spielen."

Sonderforschungsbereich "Furcht, Angst, Angsterkrankungen"

Münster gilt als führend in der Erforschung der Genetik von affektiven Erkrankungen und ist in einem Sonderforschungsbereich "Furcht, Angst, Angsterkrankungen" mit den Unis Würzburg und Hamburg vernetzt. Im Fokus steht nun das Gen für den Neuropeptid-S-Rezeptor.

"Neuropeptide sind kleine Nerven-Botenstoffe, die indirekt das Zusammenspiel von mehreren Nerven-Botenstoffsystemen wie Serotonin und Adrenalin beeinflussen", so Domschke. Schalte man diesen Rezeptor in einer Maus aus, werde das Tier ängstlicher. Das funktioniere auch umgekehrt.

"Wenn man den Mäusen Neuropeptid S verabreicht, haben sie viel weniger Angst. Das heißt, ich muss ein funktionierendes Neuropeptid-S-System haben, um nicht krankhaft Angst zu haben."

Erkenntnisse aus der Genforschung helfen bei Diagnostik

Genetische Erkenntnisse können auch bei der Diagnose helfen. "Ich kann ja nicht eben eine Probe aus dem Hirn entnehmen", sagte Domschke. Genetische Varianten hätten einen Einfluss auf die Erkrankung, seien zeitlich stabil und im Blut zu messen.

Die Medizin bekomme dank der Genetik mittelfristig neue Möglichkeiten, noch spezifischere Medikamente gegen Angstzustände oder auch Depressionen zu entwickeln und ihre Wirksamkeit schneller zu überprüfen. "Damit ersparen wir dem Patienten viel Leidenszeit."

Die Expertin betonte, dass zwischen normaler Angst und Erkrankung unterschieden werden muss. Durch normale Angst könne der Mensch im Notfall mit Kampf oder Flucht reagieren.

Ängst liegen in der Familie

"Es wird dann pathologisch, wenn die Angst zu lange dauert oder in Situationen auftritt, die eigentlich nicht gefährlich sind, die Angst einen im Alltag behindert und man einen Leidensdruck hat." Das Spektrum reiche von Phobien bis hin zu Panikattacken und der Scheu vor sozialen Kontakten.

"Man weiß schon seit über 50 Jahren, dass Ängste in der Familie liegen", sagte Domschke. Eltern, Kinder oder Geschwister eines Patienten mit Angsterkrankung hätten ein drei- bis sechsfach erhöhtes Erkrankungsrisiko im Vergleich zur allgemeinen Bevölkerung.

"Neu ist, dass man genau schauen kann, welche Mutationen bei Angsterkrankten signifikant häufiger vorkommen. Wir haben in der Forschergemeinde vier bis fünf Gene identifiziert, die ein Risiko zu vermitteln scheinen."

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Verändern schon wenige Joints das Gehirn?

Bei Jugendlichen, die nur ein bis zwei Mal Cannabis geraucht haben, sind Hirnveränderungen entdeckt worden. Diese könnten eine Angststörung oder Sucht begünstigen. mehr »

Bessere TSVG-Regelungen in Sicht?

Die großen Brocken wie die Aufstockung der Mindestsprechstundenzahl will Gesundheitsminister Jens Spahn nicht anfassen. Eine Nummer kleiner können die Ärzte aber wohl mit Änderungen am TSVG rechnen. mehr »

Daran starb Karl der Große

Karl der Große führte Kriege quer über den Kontinent. Sein großes Reich erstreckte sich von der Elbe bis Spanien. Am Ende könnte eine Lungenentzündung den mächtigsten Mann des Mittelalters niedergestreckt haben, mehr »