Ärzte Zeitung, 06.04.2017

Posttraumatische Belastungsstörung

Antibiotikum schwächt traumatische Erinnerungen ab

Nicht immer lassen sich die Folgen eines traumatischen Erlebnisses mit einer Psychotherapie erfolgreich behandeln. Wissenschaftler aus Zürich arbeiten daran, das Traumagedächtnis stattdessen medikamentös zu beeinflussen.

Antibiotikum schwächt traumatische Erinnerungen ab

Immer und immer wieder durchleben PTBS-Betroffene traumatische Erlebnisse.

© Malombra76/Getty Images/iStockphoto

ZÜRICH. Ein möglicher neuer Ansatz für die Behandlung einer posttraumatischen Belastungsstörung: Nach Einnahme des Antibiotikums Doxycyclin erinnern sich Studienteilnehmer deutlich weniger an ein unangenehmes Ereignis. Dies belegen die Experimente eines Forscherteams der Psychiatrischen Universitätsklinik und der Universität Zürich (Molecular Psychiatry 2017; online 4. April).

Körperliche Gewalt, Krieg oder auch eine Naturkatastrophe können eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) auslösen. Betroffene durchleben das belastende Ereignis immer wieder – durch plötzlich einschießende Erinnerungen oder als sich wiederholende Albträume. Nicht immer kann diese seelische Verletzung mit einer Psychotherapie erfolgreich behandelt werden. Daher suchen Wissenschaftler seit langem nach einem Weg, das Traumagedächtnis medikamentös zu beeinflussen, berichtet die Universität Zürich in einer Mitteilung. Im Tiermodell erprobte Möglichkeiten waren beim Menschen bisher nicht anwendbar oder nicht wirkungsvoll genug. Nun testeten Forscher der Psychiatrischen Universitätsklinik und der Universität Zürich erfolgreich ein Medikament aus der Infektiologie, das bei Menschen die Erinnerung an ein negatives Erlebnis deutlich abschwächt.

Gedächtnisbildungs-Enzym gehemmt

Das Team unter der Leitung von Dominik Bach, UZH-Professor und Arzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik, stellt einen neuen Ansatz vor. Es untersuchte, wie sich die Hemmung eines für die Gedächtnisbildung wichtigen Enzyms auf traumatische Erinnerungen auswirkt. Erst seit jüngster Zeit ist aus Laborversuchen bekannt, dass für die Gedächtnisbildung Eiweiße aus dem Raum zwischen Nervenzellen, der Extrazellulärmatrix, benötigt werden. Diese Enzyme, sogenannte Metalloproteinasen, kommen im gesamten Körper vor und sind etwa bei der Entstehung von Herzerkrankungen und verschiedenen Krebsarten beteiligt. Das Antibiotikum Doxycyclin hemmt die Aktivität dieser Enzyme und ist für mehrere dieser Erkrankungen bereits erprobt. Die UZH-Wissenschaftler testeten nun, wie sich Doxycyclin auf die Gedächtnisbildung auswirkt.

Negativ-Reaktionen abgeschwächt

Knapp 80 Personen, eingeteilt in eine Verum- und eine Kontrollgruppe, nahmen am Versuch teil. In einem Experiment erhielten die Probanden leicht schmerzhafte elektrische Reize, die sie mit einer spezifischen Farbe zu verknüpfen lernten. Die Probanden in der Verumgruppe erhielten vorher 200 mg Doxycyclin, die Probanden der Kontrollgruppe ein Placebo. Die Teilnehmer der Kontrollgruppe hatten – während sie die Farbe sahen – sieben Tage später verstärkte Schreckreaktionen. "Bei Probanden der Experimentalgruppe waren die späteren Schreckreaktionen im Vergleich zur Kontrollgruppe rund zwei Drittel schwächer", erklärt Bach. "Damit zeigen wir erstmals, dass Doxycyclin das emotionale Gedächtnis abschwächt, wenn es vor einem negativen Ereignis eingenommen wird."

Kombination mit Psychotherapie

Die Ergebnisse belegen, dass Metalloproteinasen nicht nur als Werkzeuge im Labor verwendet werden können, sondern auch beim Menschen für die Gedächtnisbildung relevant sind. Diese Enzyme liefern laut Studienautor Bach wichtige Anknüpfungspunkte, um therapeutisch wirksame Substanzen zu entwickeln. "Doch bereits mit dem heutigen Wissensstand könnte Doxycyclin wahrscheinlich angewendet werden, um vorhandene emotionale Erinnerungen zu dämpfen – wenn Patienten das wünschten", wird Bach in der Mitteilung zitiert. Für diese Behandlung würden existierende Trauma-Erinnerungen in einer Psychotherapie gezielt aktiviert und dann durch Gabe von Doxycyclin geschwächt. "Wir planen, dieses kombinierte Therapiemodell bei gesunden Menschen anzuwenden, um es dann in der Klinik zu erproben", so Bach. (eb)

[14.04.2017, 14:08:42]
Angelika Demel 
Das hört sich ganz einfach an
Lediglich 40 Probanden wurden a la Pawlow konditioniert mit Farbe auf Angst und erschreckten ohne Doxy. Den Score benennen Sie als "rund zwei Drittel schwächer" (wie gemessen?).

Eine PTBS ist etwas viel Komplexeres als eine konditionierte Pawlowsche Konditionierung.

"Für diese Behandlung würden existierende Trauma-Erinnerungen in einer Psychotherapie gezielt aktiviert und dann durch Gabe von Doxycyclin geschwächt."
Traumaerinnerungen gezielt zu aktivieren und dann in den Alltag zu integrieren ist eine sehr aufwändige und sensible Angelegenheit, die nur durch professionelle Psychotherapeuten durchgeführt werden sollte, da Patienten dabei dekompensieren können.

Bisher ist doch in der Versuchsanordnung nur eine Angssituation bei Gesunden geschaffen worden a la Pawlow und keine PTBS.

Bei der PTBS treten die Symptome erst Monate später auf. Da die Symptome denen anderer Erkrankungen (wie Depression, Borderline-Persönlichkeitsstörung) ähneln, sollten diese zunächst immer ausgeschlossen werden, was nicht immer leicht ist. Die Patienten fühlen sich hilflos und durch das Trauma in ihrem Icherleben schwerst erschüttert.

Der Therapeut muss eine feine Diagnostik betreiben, um die Diagnose zu stellen, denn darauf kommt es an. Mir erscheint diese Versuchsanordnung zunächst zu einfach, (zu wenig Probanden,lerntheoretische Anordnung, Angstgedächtnis?, eben KEINE PTBS)als dass man gleich auf das komplexe Krankheitsbild einer PTBS schließen könnte.

Außerdem irritierte Ihre Überschrift...

Herzliche Grüße
Dr.med.Angelika Demel FAfAM/Psychotherapeutin

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[07.04.2017, 11:14:17]
Thomas Georg Schätzler 
PTBS-Antibiotika-Leichtsinn?
Mit der komplexen Diagnose "Posttraumatische Belastungsstörung" [PTBS] nach ICD-10-GM (2016) F43.1+G hat die Publikation "Blocking human fear memory with the matrix metalloproteinase inhibitor doxycycline" von D. R. Bach et al. m. E. nicht das Geringste zu tun. Im Gegenteil: Es zeugt von wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Schwächen bzw. reduktionistischem monokausalem, biologistischem Denken, das "menschliche Angstgedächtnis" bzw. "Matrix-Metallproteinase-Hemmer" mit den komplizierten Mechanismen von verschiedenen Formen, Intensitäten und Verlaufsbeobachtungen der PTBS gleichsetzen zu wollen.

Die Versuchsanordnung war äußerst schlicht gestrickt: Ein Labormodell für Angsterkrankungen (also keine PTBS?) sei von hoher klinischer Relevanz bei störenden Angsterinnerungen, wurde tautologisierend bei fehlender In-vivo-Evidenz für diesen Vorschlag postuliert...und zum "Beweis" von "Bedrohungs-Lernen" wurde die Untersuchung einer Pavlov'schen Angst-Reflex-Konditionierung angeboten ["...laboratory model for anxiety disorders. Interfering with such memories in humans would be of high clinical relevance. On the basis of studies in cell cultures and slice preparations, it is hypothesised that synaptic remodelling required for threat learning involves the extracellular enzyme matrix metalloproteinase (MMP) 9. However, in vivo evidence for this proposal is lacking. Here we investigate human Pavlovian fear conditioning..."].

Dass die Autoren insgesamt gar nicht so wirklich wissen, was sie denn nun begrifflich dezidiert meinen, wird im Schlusswort ihres Abstracts erkennbar: Dort ist plötzlich weder vom "menschlichem Angstgedächtnis" ["human fear memory"], von "Angsterkrankungen" ["anxiety disorders"] noch von "Bedrohungs-Lernen" ["threat learning"], sondern von der "Formierung der Bedrohungserinnerung" ["threat memory formation"] die Rede ["Our findings support an emerging view that extracellular signalling pathways are crucially required for threat memory formation. Furthermore, they suggest novel pharmacological methods for primary prevention and treatment of posttraumatic stress disorder."].
Wie aus der "Formierung der Bedrohungserinnerung" aber tatsächlich die Diagnose einer "Posttraumatische Belastungsstörung" [PTBS] entwickelt werden soll, bleibt weiterhin ungeklärt…

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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