Ärzte Zeitung, 17.09.2007
 

Wenn auch Männer schwanger gehen

Das Couvade-Syndrom ist Ausdruck von Konflikten, die Männer während der Schwangerschaft ihrer Frau erleben

Wenn Partner schwangerer Frauen ebenfalls an Gewicht zunehmen, über Übelkeit, Schmerzen oder Verdauungsstörungen klagen, dann sind sie vermutlich auch "ein bisschen schwanger". Psychiater sprechen vom Couvade-Syndrom, abgeleitet von einem Ritual präindustrieller Gesellschaften, auch "Männerkindbett" genannt. Meist ist es harmlos.

Nicht jeder Mann kann sich ungetrübt auf sein Kind freuen. Manche empfinden auch Ängste und Aggressionen. Foto: dpa

Von Thomas Meißner

Nach Schätzungen sollen elf bis 79 Prozent der werdenden Väter an unspezifischen körperlichen und seelischen Symptomen leiden. Dies sei Ausdruck einer konfliktreichen Anpassung an die Schwangerschaft und an die künftige Vaterrolle, schreibt der Grazer Psychiater Professor Hans-Peter Kapfhammer in der Zeitschrift "Info Neurologie & Psychiatrie" (1, 2007, 32). Die Symptome reichen von gesteigertem oder vermindertem Appetit über Gastritis, Durchfall, Verstopfung bis hin zu Juckreiz, Kopf- und Zahnschmerzen. Teilweise ähneln die Beschwerden jenen der schwangeren Partnerin.

In urtümlichen Gesellschaften sind Couvade-Rituale verbreitet

Meist handelt es sich dabei nicht um Erscheinungen von Krankheitswert. In präindustriellen Gesellschaften und in vielen Teilen der Welt sind die Symptome und Gefühlsveränderungen dieser Lebensphase rituell ausgelebt worden. So wurden bei französischen Weinbauern noch 1924 Couvade-Rituale (frz. couver: ausbrüten, liebevoll betreuen) beobachtet. Dabei ahmt der werdende Vater die Geburtswehen der Frau nach. Oft zog er sich auch die Kleider seiner Frau an und lag gegen Ende der Schwangerschaft nur noch im Bett. Dabei wurden magische Rituale zum Wohle des Kindes vollzogen.

Nach Ansicht von Psychiatern haben die somatischen Symptome viel mit unbewussten Ängsten und aggressiven Gefühlen zu tun. Das Kind werde zum Beispiel als Rivale gesehen. So äußern Männer häufig die Angst, ihre Partnerin an das Kind zu verlieren.

Wer selbst als Kind einen Mangel an mütterlicher Zuwendung empfunden hat, etwa nach der Geburt eines Geschwisters, bekommt aggressive Gefühle sowohl gegen das Kind als auch gegen die Mutter. Unbewusst wird sie mit der eigenen Mutter gleich gesetzt und für die neue Situation verantwortlich gemacht wird. Kompensiert wird dies meistens mit einer überengagierten Haltung: man(n) beteiligt sich emotional und affektiv ganz besonders, ist übermäßig besorgt.

Nur selten komme es zu offen feindseligem Verhalten, berichtete Kapfhammer. Insofern scheint das Couvade-Syndrom nur dann von Bedeutung zu sein, wenn Männer mit bereits vorliegender psychischer Erkrankung, etwa Angststörungen oder Depressionen, mit der künftigen Vaterschaft konfrontiert werden.

Ein Teil der Männer neigt nach Angaben des Psychiaters sehr zu einer Identifikation: Sie übernehmen die Beschwerden der Partnerin. Dies sei per se nichts Krankhaftes, sondern scheine sogar eine gewisse Voraussetzung für das Entstehen empathisch-väterlichen Verhaltens zu sein.

Es gibt aber auch Männer, die eine Art Gebärneid empfinden. Sie sind in ihrem Narzissmus gekränkt, weil sie nicht in der Lage sind, ein Kind zu gebären. Kapfhammer meint, solche Männer verleugneten die "Begrenztheit der eigenen sexuellen, prokreativen Möglichkeiten". Die vermehrt handwerkliche Betätigung im Hobbyraum darf dann durchaus als Kompensationsversuch gewertet werden.

Im Allgemeinen sind die psychosomatischen Beschwerden nicht sehr belastend. Nur wenige Männer tauchen mit den beschriebenen Symptomen beim Arzt auf, Kapfhammer geht von etwa 20 Prozent der betroffenen Männer aus. Für den Hausarzt lohnt sich bei unspezifischen Beschwerden eines jungen Mannes gegebenenfalls die Frage, ob die Partnerin schwanger ist.

Den Männern sei oft bereits geholfen, wenn man ihnen vermitteln könne, dass die körperlichen Symptome nichts weiter als der Ausdruck ihrer emotionalen Beteiligung an Schwangerschaft und Geburt sind. Im therapeutischen Gespräch empfiehlt Kapfhammer, aktuellen Ängsten und Konflikten viel Raum zu geben. Dafür reichten unterstützende Gespräche aus. Eine "aufdeckende Psychotherapie" sei meist nicht erforderlich.

Geburtsvorbereitung kann die Verunsicherung verstärken

Die Teilnahme der Männer an den üblichen Geburtsvorbereitungskursen ist nach Ansicht des Grazer Kollegen dagegen nicht hilfreich. Einerseits, weil sie meist erst zum Ende der Schwangerschaft stattfinden, andererseits, weil diese Kurse die Verunsicherung dieser Männer weiter verstärken können.

Liegen echte psychische Störungen vor, was selten vorkommt, sind je nach Störungsart psychotherapeutische und/oder psychopharmakologische Behandlungen unverzichtbar.

STICHWORT

Couvade-Ritual

Couvade-Rituale verschiedener Art sind aus allen Teilen der Welt bekannt. In manchen Kulturen werde eine transsexuelle Variante des Couvade-Rituals praktiziert, so Professor Hans-Peter Kapfhammer aus Graz. Männliche Schamanen der Mohave-Indianer in Nordamerika kleiden sich wie Frauen, "heiraten" Männer und ahmen die Menstruation nach, indem sie sich selbst blutende Schnittwunden beibringen.

Später erklären sie sich für schwanger, ahmen die Geburtswehen nach und beerdigen schließlich feierlich ihren Kot, den sie zur Totgeburt deklarieren. (ner)

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