Ärzte Zeitung online, 31.12.2008

Nach Suizidversuch: Das Altgedächtnis funktioniert, doch Neues wird vergessen

NEU-ISENBURG (Smi). Hans Günter Denecke aus Bielefeld leidet seit einem Suizidversuch in den 70-er Jahren unter Amnesie. "Ich erkannte meine Verwandten, aber wenn ich neue Leute kennen lernte, hatte ich sie nach kurzer Zeit wieder vergessen."

Nach Suizidversuch: Das Altgedächtnis funktioniert, doch Neues wird vergessen

Hans Günter Denecke

Foto: Smith

In den 70-er Jahren studiert Denecke in Frankfurt am Main Wirtschaftspädagogik. Sein Studium absolviert er in Rekordzeit, doch mitten in seinen Diplomvorbereitungen wird die Prüfungsordnung geändert. "Das war wie ein Schlag vor den Kopf", sagt Denecke heute. Er muss neu anfangen, aber er kann sich nicht aufraffen. Er ist viel allein, seine Familie lebt in Bielefeld.

Als ihm seine Frau einen Seitensprung beichtet, bricht alles über ihm zusammen. Am 11. April 1975 fährt er auf eine Raststätte und leitet mithilfe eines Staubsauerschlauchs die Abgase seines Autos ins Innere. Doch sein Suizidversuch misslingt. Jemand befreit ihn aus seinem Wagen, anschließend wird er reanimiert.

Denecke wird in das nächste Kreiskrankenhaus eingeliefert, später in die Psychiatrie. Eine angemessene Versorgung findet nicht statt. Sein Gedächtnis ist gestört. Zwar kehrt sein Altgedächtnis relativ schnell wieder, doch er kann sich nichts merken. "Ich erkannte meine Verwandten, aber wenn ich neue Leute kennen lernte, hatte ich sie nach kurzer Zeit wieder vergessen." Eine Krankenhaus-Odyssee beginnt. Doch nirgendwo findet er Hilfe.

"Manchmal hat man mir sogar meine Krankheit zum Vorwurf gemacht und mich einen stinkfaulen Hund genannt", empört sich der heute 63-Jährige. Sauerstofftherapie, Gedächtnistraining, Berufstherapie - es gibt keine Fortschritte. Von seiner Frau wird er in zweiter Instanz geschieden. Fortan kümmern sich seine Eltern um ihn, weil ihn der Alltag allein überfordert. Wenn er sich zum Beispiel nicht die Straßenbahnlinie merkt, die er benutzt hat, findet er nicht mehr nach Hause.

Doch Denecke will nicht dauerhaft abhängig sein, er will sein eigenes Geld verdienen. In der Firma seines Schwagers bekommt er einen Hilfsjob. Aber selbst dieser ist für den Akademiker kaum zu bewältigen, weil er auch einfache Dinge vergisst. Inzwischen gilt er als schwerbehindert. Er versucht sich in anderen Jobs, hat aber oft "das Gefühl, links liegen gelassen zu werden". Die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die ihm zugewiesen werden, empfindet er als "Idiotenjobs".

Was ihn mitunter überrascht, ist sein Langzeitgedächtnis. "Wie ein Blitzschlag tauchen manchmal Erinnerungen an meine Kindheit auf und das mit einer unglaublich fotografischen Präzision." Was ihn am meisten aufregt, sind die "Leute, die einem geistig nicht das Wasser reichen können, aber einen wie einen Idioten behandeln".

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