Ärzte Zeitung online, 27.08.2008

Neue Freiheit - Kombi-Operation lässt Querschnittgelähmte greifen

BERLIN (dpa). In Berlin hat ein Ärzteteam Querschnittgelähmten zu mehr Bewegungsfreiheit verholfen. Durch komplizierte Operationen an Oberarm und Hand ermöglichen sie Menschen, die an Beinen, Rumpf und Armen gelähmt sind, neue Stütz- und Greifbewegungen, teilten die Deutsche Gesellschaften für Orthopädie und für Unfallchirurgie am Mittwoch mit.

Der 34-jährige Heiko Paukert sitzt im Unfallkrankenhaus Berlin neben der Handchirurgin Dr. Richarda Böttcher. Nach den Operationen kann der querschnittsgelähmte Mann wieder eine Flasche selbst öffnen.

Foto: dpa

Es war ein heißer Sommertag, an dem Heiko Paukert zum Mann im Rollstuhl wurde. Er rannte auf einen See zu, ein Knie knickte weg und er fiel auf den Kopf. Im Krankenhaus diagnostizierten die Ärzte eine Querschnittlähmung ab dem sechsten Wirbel. Heiko Paukert konnte Beine, Rumpf und Arme nicht mehr bewegen. Nun hat ihm ein Berliner Ärzteteam in zwei aufwendigen Operationen zu mehr Lebensqualität verholfen. Heiko Paukert kann sich wieder mit einem Arm aufstützen und mit seiner rechten Hand greifen. Was wenig sensationell klingt, eröffnet ihm neue Welten: Er kann zum Beispiel telefonieren - und bestellt den Pflegedienst nun viel öfter ab.

Rund 1000 Menschen erleiden jedes Jahr in Deutschland eine Querschnittlähmung. Meist sind es junge Männer, die Autounfälle bauen, sich beim Sport schwer verletzen oder von Baugerüsten fallen. Rund 300 von ihnen trifft die Lähmung so hart wie Heiko Paukert. Damals, am See in Berlin, war er 21 Jahre alt. Heute ist er 34. "Ich kann mich nur arrangieren. Klar komme ich damit nicht", sagt er.

Heiko Paukert findet sich nicht ab

Auf seiner Internetseite mit dem ironischen Titel www.laufen-ist-doof.de schreibt er offen von Selbstmordversuchen und Suff. Doch das ist Vergangenheit. Er will sich nicht abfinden mit seiner Situation. Es soll weiter gehen. So wie beim Rollstuhl-Rugby, einer Sportart, in der es Heiko Paukert inzwischen zum Deutschen Meister gebracht hat.

Neuer Lebensmut, Ehrgeiz und Disziplin: Das mag Heiko Paukert die Kraft gegeben haben, sich 11 Jahre nach seinem Unfall zwei Operationen zu unterziehen, die in Deutschland noch selten sind. Am Unfallkrankenhaus Berlin hat sich ein Ärzteteam auf Querschnittgelähmte spezialisiert, die ihre Arme kaum heben und ihre Hände wenig gebrauchen können. In der ersten Operation bauen Chirurgen einen Schultermuskel so um, dass ein Patient den Ellenbogen wieder strecken kann. So kann er sich zum Beispiel aufstützen und ohne Hilfe in den Rollstuhl oder heraus kommen - ein Stück Freiheit.

In zweiter Op wird Handfunktion wieder hergestellt

Die Berliner Handchirurgin Dr. Richarda Böttcher geht nach schwedischem und französischem Vorbild nun noch einen Schritt weiter. Bei Heiko Paukert und acht weiteren Patienten stellte sie in einer zweiten Operation Handfunktionen wieder her, die zwei Greifbewegungen möglich machen. Dabei werden aktive Muskeln so umgesetzt, dass sie über Sehnen wichtige Funktionen ermöglichen. Der Eingriff erfordert sehr erfahrene Chirurgen. Heiko Paukert hat gezögert, das Angebot anzunehmen. Er fragte sich, ob die Operation ihm nicht den letzten Rest seiner Bewegungsfreiheit nehmen könnte. Heute ist er vom Nutzen überzeugt - und berät andere Betroffene bei ihrer Entscheidung.

Chirurgin Böttcher hofft, dass die bis zu 50 000 Euro teure Operationstechnik in Deutschland bekannter wird. Das Unfallkrankenhaus hat bisher 22 Eingriffe vorgenommen. Viermal haben die Ärzte beide Eingriffe kombiniert wie bei Heiko Paukert. Er hat dafür viel mitarbeiten müssen: Zu Schonung des operierten Arms saß er insgesamt sechs Monate im Elektro-Rollstuhl. "Das ist wie eine Zwangsjacke. Am Ende hatte ich kaum noch Geduld", sagt er. Hartes und diszipliniertes Muskeltraining ist ebenfalls notwendig.

Paukert kann heute auch selbst die Blase entleeren

Heute kann sich Heiko Paukert dafür abends zu seinem liebsten Berliner Musikclub fahren lassen. Er setzt sich ohne Hilfe ins Taxi. Vorbei sind auch die Zeiten, in denen er um 22.00 Uhr in seiner Wohnung sein musste, bereit für den Pfleger, der ihm ins Bett half. Mit Hilfe der operierten Hand kann Paukert auch seine Blase heute mit einem Katheter selbst entleeren. Das ist für ihn ein wichtiges Stück mehr Privatsphäre. Statt viermal schaut ein Pflegedienst heute nur noch einmal am Tag vorbei. Das spart nach der Abrechnung des Pflegedienstes rund 14 000 Euro Kosten pro Jahr.

Es gibt so vieles, das Heiko Paukert nach seinem Unfall vermisst. Seine E-Gitarre verstaubt an der Wand. Den begehrten Vollzeitjob als Webgestalter hat er mit seiner Behinderung bis heute nicht gefunden. Er ist sich auch nicht sicher, ob er seinen zweiten Arm operieren lassen würde. "Immer langsam", sagt er. Doch manchmal denkt er darüber nach, sich seine E-Gitarre auf das Knie zu legen. Vielleicht geht da ja doch noch etwas.

www.ukb.de

www.berlinraptors.de

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