Ärzte Zeitung online, 30.12.2008

Werden Kinder über die psychische Störung ihrer Eltern nicht aufgeklärt, zeigen sie oft Schuldgefühle

DRESDEN (scho). Etwa zwei Millionen Kinder in Deutschland haben bipolar erkrankte Eltern. Viele dieser Kinder wissen nicht, was mit ihren Eltern los ist und entwickeln Schuldgefühle. Professionelle Aufklärung kann dies vermeiden.

Werden Kinder über die psychische Störung ihrer Eltern nicht aufgeklärt, zeigen sie oft Schuldgefühle

Foto: Karl Yamashita©www.fotolia.de

Kind eines psychisch erkrankten Elternteils zu sein, bedeute häufig ein Leben in Einsamkeit, mit Schuldgefühlen, Überforderung und mangelnder Zuwendung. Darauf hat die Diplom-Psychologin Rita Schmid vom Bezirksklinikum Regensburg hingewiesen. Viele Kinder verstehen nicht, was mit ihrer kranken Mutter oder ihrem kranken Vater los ist. Nach Daten einer Umfrage sei nur eines von vier Kindern zwischen fünf und zehn Jahren über die Erkrankung der Eltern informiert. Bei den 11- bis 14-Jährigen weiß über die Hälfte nicht Bescheid, und auch bei den 15- bis 18-Jährigen ist noch ein Viertel der Jugendlichen nicht über die Erkrankung ihrer Eltern aufgeklärt. Dieses Informationsdefizit führe dazu, dass sich Kinder häufig selbst die Schuld an der Erkrankung des Elternteils gäben, betonte Schmid. Sie könnten die Situation nicht richtig einschätzen, seien desorientiert und bezögen das Verhalten der Eltern auf sich selbst, sagt Schmid auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen in Dresden.

Auch die Folgen der Erkrankung seien für Kinder belastend. Sie erhielten weniger Aufmerksamkeit und Zuwendung von ihren Eltern und müssten schon früh Verantwortung für jüngere Geschwister übernehmen.

Wie Kinder mit diesen Belastungen umgehen, ist individuell sehr verschieden. Positiv wirke sich eine gute Beziehung zu einer gesunden Vertrauensperson aus sowie Aufklärung und Information über die Erkrankung, so Schmid. Wichtig sei für die Kinder auch, dass mit der Erkrankung innerhalb der Familie offen umgegangen wird, dass Fragen gestellt werden dürfen und ein vertrauensvolles Klima herrscht.

Hilfe von außen bekämen betroffene Kinder meist erst, wenn sie selbst psychische Auffälligkeiten zeigten. Das Risiko, selbst an einer bipolaren Störung zu erkranken, sei bei diesen Kindern immerhin um das Fünf- bis Siebenfache erhöht, warnte Schmid. Daher sei es wichtig bei der Anamnese psychisch erkrankter Erwachsener immer nach Kindern im Haushalt zu fragen. Die Kinder müssten von professionellen Mitarbeitern über die Erkrankung ihrer Mutter oder ihres Vaters aufgeklärt werden. Es müsse ihnen deutlich gemacht werden, dass sie keine Schuld an dieser Erkrankung hätten, sagte Schmid. Vielen Kindern sei damit schon eine große Last genommen.

Sehr wichtig sei auch, dass die Eltern einen Notfallplan aufstellen, was mit dem Kind bei einer unvorhergesehenen Klinikeinweisung des Vaters oder der Mutter passieren solle, sagte Schmid. Dies gelte besonders für Alleinerziehende. Hier müssten frühzeitig weitere Bezugspersonen für das Kind gesucht werden.

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