Ärzte Zeitung online, 13.03.2009

Der Amokläufer von Winnenden - Depressiver Waffennarr Tim K.

WINNENDEN (dpa). Verschlossen, unauffällig und freundlich - aber auch verzweifelt, eiskalt und psychisch krank. Der 17 Jahre alte Amokläufer, der am Mittwoch im schwäbischen Winnenden und auf der anschließenden Flucht nach Wendlingen 15 Menschen und sich selbst getötet hat, war ein depressiver Waffennarr. Tim K. war ein geübter Sportschütze.

"Lebensgefahr!" warnt ein Schild auf dem Gelände des Schießsportvereins (SSV) Leutenbach. In dem Verein soll auch der Vater des 17-jährigen Amokschützen Tim K. trainiert haben.

Foto: dpa

Seinen Vater, ein mittelständischer Unternehmer und Mitglied im Schützenverein, begleitete er oft zu Schießübungen. In seinem Zimmer bewahrte der Schüler zudem mehrere Luftwaffen auf.

"Manchmal auf dem Spielplatz hat er mit anderen aus der Klasse oder aus der Umgebung aufeinander geschossen", sagt Mario H., ein ehemaliger Mitschüler des 17-Jährigen dem Radiosender Hit-Radio Antenne. Im Keller soll der Vater von Tim K. einen Schießübungsraum eingerichtet haben.

Noch dazu verbrachte Tim K., der eine drei Jahre jüngere Schwester hat, in den vergangenen Monaten viel Zeit mit Killerspielen am Computer. Auf seinem Rechner entdeckte die Polizei das Spiel Counterstrike - und auch einige Pornobilder. "Er wurde einfach von niemandem akzeptiert, saß den ganzen Tag eigentlich nur daheim vor dem Computer", sagt auch Mario H..

Tim K. war leidenschaftlicher Tischtennisspieler und machte seit etwa drei Jahren Kampfsport. Er hatte einige wenige freundschaftliche Kontakte und schwärmte eine Zeit lang für ein Mädchen aus der Nachbarschaft. Alles deutet auf einen normalen Teenager hin. "Bei dem hat man nichts Schlimmes gemerkt", sagt ein Jugendlicher aus dem Heimatort des Täters Leutenbach-Weiler zum Stein. Tim K. sei zwar immer wieder von Gleichaltrigen geärgert worden, habe das aber runtergeschluckt, fügt der Jugendliche hinzu.

Doch der Amokläufer war psychisch krank. Mehrmals wurde er wegen Depressionen in einer Klinik behandelt. Eine geplante ambulante Behandlung trat der 17-Jährige jedoch gar nicht erst an. Seine wohlhabenden Eltern wussten von seiner Krankheit - trauten ihrem behüteten Sohn eine solche Tat nach Polizeiangaben aber nicht zu.

Kultusminister Helmut Rau (CDU) vermutet Medienberichten zufolge, dass der 17-Jährige "eine doppelte Identität" hatte - "dabei ist die zweite verborgen geblieben." Tim K. sei "lernschwach", aber an der Schule nie auffällig gewesen. Er hatte im vergangenen Sommer seinen Abschluss an der Schule gemacht und war dann auf einem kaufmännischen Berufskolleg in Waiblingen gewesen.

In der Berufsschule war Tim K. integriert

Ein lustig plätschernder Wasserlauf, üppig wuchernde Pflanzen und eine schicke moderne Rezeption: Durch dieses Foyer der kaufmännischen Schule Donner + Kern in Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) geht Todesschütze Tim K. noch am Dienstag in seinen Klassenraum. Wie immer lässt sich der 17-Jährige auf seiner Schulbank nieder, schreibt eine Mathematikarbeit, bestellt vermutlich in der Mittagspause mit seinen Klassenkameraden wie gewöhnlich eine Pizza und bereitet mit einem Mitschüler ein Referat für Donnerstag vor.

Vor der Fahrt von der Privatschule zurück in seinen Heimatort Leutenbach spielt er noch mit ein paar Kumpeln vor dem "Cafe Tunix" eine Partie Poker - nichts deutet darauf hin, dass er nicht einmal 24 Stunden später 15 Menschen kaltblütig tötet und zahlreiche verletzt.

Lehrerin Stephanie Lipp ist in den neun Monaten, die sie den jungen Mann mit Brille kennt, nie etwas Ungewöhnliches an ihm aufgefallen - auch nicht an jenem Dienstag vor der monströsen Tat. "Er war ein Poker-Fan, hatte Beziehungen zu Mitschülern. Die Depression hat sich hier gar nicht gezeigt", erzählt die 29-Jährige mit Blick auf die psychische Erkrankung des Jungen.

"Hier hat er sich wohlgefühlt, er war gerne da", pflichtet der Inhaber der Schule, Karl-Heinz Donner, bei. Es könne nur so sein, dass er sich zu Hause oder im Freundeskreis nicht genug geschätzt gefühlt habe, ist der 59-Jährige überzeugt. "Der Zorn hat sich nicht auf diese Schule bezogen, sonst hätte alles hier stattgefunden", sagt der kräftige Mann in schwarz-weiß gestreiftem Hemd und schwarzer Krawatte.

Der 17-Jährige sei kein extremer Computerfreak gewesen, so Lipp. "Jugendliche werden doch alle von Computern angezogen", meint sie. Im Unterricht sei er ruhig gewesen. Doch wenn man ihn aufgerufen habe, seien seine Antworten kompetent gewesen. "Seine Noten waren durchschnittlich." Mögliche Minderwertigkeitsgefühle kann sie nicht mit dem dunkelhaarigen Jungen in Verbindung bringen. Schul-Mitinhaber Gerhard Kern bringt es auf den Punkt: "Bei uns war er mit seinem offiziellen Gesicht."

Tim K. strebte an der Schule mit mehr als 170 Schülern die Fachhochschulreife an, entweder um danach an einer Hochschule zu studieren oder eine kaufmännische Ausbildung zu beginnen. Für den intensiven Unterricht in Klassen mit nicht mehr als 24 Schülern bezahlten die Eltern 195 Euro im Monat; der Vater, ein Unternehmer mit 120 Beschäftigten, konnte sich das Schulgeld für das zweijährige Berufskolleg leisten.

Doch nicht nur Geld, sondern auch Interesse brachten die Eltern für die schulische Karriere ihres Zöglings auf. "Sie waren beim Elternabend und kamen auch zum Elterngespräch", erinnert sich die junge Lehrerin.

Die Ausstattung der Schule mit professionellen Helfern ist im Vergleich zu öffentlichen Schulen paradiesisch: Eine Psychologin und drei Sozialpädagogen stehen zur Verfügung. Doch auch diesen Fachkräften hat Tim K. sich nicht anvertraut. "Uns war nicht bewusst, dass wir das Gespräch hätten suchen sollen", sagt Lipp traurig. Donner fügt hinzu: "Es gibt kein Idealkonzept. Wenn einer das will, kann man 100 Psychologen im Haus haben und so etwas nicht verhindern."

Für die noch unter Schock stehenden Mitschüler Tims ist derzeit der Unterricht ausgesetzt. Den hauseigenen Experten haben sich Spezialisten vom psychologischen Schuldienst in Freiburg hinzugesellt. Donner sagt: "Von Montag an muss es normal weitergehen, weil wichtige Prüfungen anstehen."

Zur Beisetzung Tims kann seine Klasse eine Delegation schicken, ein, zwei Lehrer werden auch hingehen. Nachdenklich sagt Donner: "Der Tim war bis auf diesen einen Tag ein anständiger Kerl. An diesem einen Tag muss er einen schrecklichen Aussetzer gehabt haben." Beinahe widerstrebend fügt er hinzu: "Für mich ist er in irgendeiner Weise auch Opfer - weil er nicht die Therapie bekam, die er brauchte."

Experte: Behandlung psychisch kranker Schüler nicht "uncool"

Psychische Krankheiten bei Jugendlichen wie beim Amokläufer von Winnenden sollten nach Expertenmeinung nicht als sozialer Makel betrachtet werden. "Es ist wichtig, Vorurteile abzubauen und solche Erkrankungen nicht zu verheimlichen", sagte der Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Nervenärzte (BVDN), Frank Bergmann, in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa in Krefeld. Notwendig sei, psychische Krankheiten wie Depressionen "zu erkennen und nachhaltig zu behandeln", forderte er.

"Gerade in einer Gruppe von jungen Leuten gilt eine Therapie als völlig uncool." Eine Tabuisierung schwäche aber die Bereitschaft, sich in die Hände von Fachleuten zu begeben. Der 17-jährige Tim K., der am Mittwoch ein Blutbad mit 16 Toten angerichtet hat, war nach Behördenangaben seit 2008 wegen Depressionen in psychiatrischer Behandlung. Die Therapie brach er jedoch ab.

Eine Behandlung von Nervenkrankheiten kann nach Bergmanns Ansicht auch vorbeugend wirken. "Rund die Hälfte aller Amoktäter ist psychisch krank", schätzte er. 10 bis 15 Prozent der Gesamtbevölkerung entwickle im Laufe des Lebens eine Depression, 0,8 bis 1,0 Prozent eine Psychose. Die Erkrankung beginne oft im jugendlichen Alter. "Psychische Erkrankungen sind bei Jugendlichen häufiger als die meisten anderen Krankheiten", betonte der Mediziner. Deshalb sei besonders in Schulen "energische Aufklärung" nötig.

Amoktäter, zu 95 Prozent Männer, leben nach Bergmanns Einschätzung in einer "veränderten Bewusstseinslage und gestörter Wahrnehmung". In dieser "Ausnahmesituation" empfänden sie ihre gesamte Umgebung als feindselig. Der Auslöser des blutigen Gewaltausbruchs könnte dann vergleichsweise banal sein. "Manchmal genügt bereits die Zurückweisung von einer Freundin." Allerdings seien Amokläufe keine Affekttaten. "Zwischen Anlass und Tat können Tage und Wochen liegen", erklärte Bergmann. Denn die Taten würden meist akribisch vorbereitet.

Gewaltvideos spielen nach Bergmanns Überzeugung für eine Amoktat eine Rolle, sind aber nur "ein Mosaikstein im Gesamtgefüge". Der Nervenarzt betonte jedoch: "Je mehr sich ein noch entwickelndes Gehirn damit befasst, umso leichter ist der Bezug zur realen Gewalt." Der BVDN hat nach eigenen Angaben rund 4000 Mitglieder.

www.bv-nervenarzt.de

Lesen Sie dazu auch:
Amokläufer von Winnenden hat die Tat offenbar doch nicht angekündigt
Eine Lehre aus Erfurt: In Winnenden war sehr schnell psychologische Hilfe vor Ort
Was erklärt den Amoklauf von Winnenden?
"Amokläufer können im Vorfeld erkannt werden"
Psychologen arbeiten Amoklauf von Winnenden auf
Polizeipsychologe: Ein Amoklauf ist meist lange geplant
Bestürzung und Trauer - Amoklauf in Schule stürzt Winnenden ins Chaos
Blutbad in Baden-Württemberg - 16 Tote bei Amoklauf in Winnenden

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Tumorpatienten bei Schmerztherapie unterversorgt

Viele Krebskranke erhalten keine adäquate Schmerztherapie. Das hat eine erste Analyse der Online-Befragung "PraxisUmfrage Tumorschmerz" ergeben. mehr »

ADHS-Arznei lindert Apathie bei Alzheimer

Eine Therapie mit Methylphenidat kann die Apathie bei Männern mit leichter Alzheimerdemenz deutlich zurückdrängen. mehr »

Zehn Jahre "jünger" durch Sport

Wer Sport treibt, ist motorisch gesehen im Schnitt zehn Jahre jünger als ein Bewegungsmuffel. mehr »