Ärzte Zeitung online, 21.12.2010

Traum und Wirklichkeit - das sind zwei Paar Schuhe

BONN/FRANKFURT AM MAIN (ars). Träume werden wahrscheinlich viel weniger durch die Lebenssituation beeinflusst als häufig angenommen. Zu diesem Ergebnis kommt eine deutsch-britische Forschergruppe.

Traum und Wirklichkeit - das sind zwei Paar Schuhe

Weniger als bislang angenommen bestimmt unsere aktuelle Lebenssituation, was wir träumen.

© Monika Wisniewska / fotolia.com

Die Wissenschaftler der Universitäten Bonn und Frankfurt sowie der Harvard Medical School hatten die Träume von taubstumm oder gelähmt geborenen Menschen mit denen von Probanden ohne Handicap verglichen. Selbst geschulte Analytiker konnten kaum entscheiden, von welcher Gruppe die jeweiligen Traumbilder stammten (Consciousness and Cognition, im Druck).

Die Studienteilnehmer führten ein Traumtagebuch, sodass innerhalb von zwei Wochen mehr als 350 detaillierte Beschreibungen zusammenkamen. Die wenigsten Träume drehten sich um die Behinderung: Die Paraplegiker gingen, rannten oder schwammen, die Taubstummen konnten hören und sprechen. Diese geträumten Fähigkeiten spiegeln wohl nicht die Sehnsucht der Behinderten wider, ihr Handicap hinter sich zu lassen: "In den Träumen der gelähmten Teilnehmer spielte das Motiv 'Bewegung‘ keine besondere Rolle", betont die Bonner Psychologin Dr. Ursula Voss. "Es tauchte weder häufiger noch seltener auf als bei Nichtgelähmten. Bei den taubstummen Probanden war es genauso."

Die Forscher baten einen Psychoanalytiker, einen Verhaltenstherapeuten, einen Psychologen und (als Fachfremden) einen Physiker, die Schlafphantasien einer der Personengruppe zuzuordnen. Das gelang ihnen unabhängig von ihrer Ausbildung nur bei einem geringen Teil. So ordneten die Tester lediglich jeden dritten Traum eines Gelähmten korrekt dieser Gruppe zu.

Eventuell sieht man in Träumen nicht sich selbst, sondern eine Art menschlichen Prototypus ohne Ecken und Kanten. Das legen auch die Ergebnisse eines noch unveröffentlichten Experiments nahe: Die Forscher malten auf die Hände gesunder Versuchspersonen einen roten Fleck und frischten diese Markierung über mehrere Wochen immer wieder auf. Außerdem baten sie ihre Probanden, sich vor dem Einschlafen gedanklich mit dem Farbklecks auf ihrer Hand auseinander zu setzen. In die Träume stahl sich die Markierung dennoch nicht.

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