Ärzte Zeitung online, 03.08.2011

Vier Fragen, vier Antworten

Richter: "Deutschland braucht mehr Psychotherapeuten!"

Durchschnittlich drei Monate wartet ein psychisch kranker Mensch auf ein Erstgespräch beim Psychotherapeuten. Viel zu lang, kritisiert Professor Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer. Im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" fordert er die Politik auf, endlich Maßnahmen zu ergreifen, um eine bessere Versorgung zu ermöglichen.

Professor Rainer Richter

Richter: "Deutschland braucht mehr Psychotherapeuten!"

© Rainer Zensen / imago

Aktuelle Position: Präsident des Vorstandes der Bundespsychotherapeutenkammer (seit 2005) und der Psychotherapeutenkammer Hamburg (seit 2003)

Werdegang/Ausbildung: Psychologischer Psychotherapeut

Karriere: Professor für Medizinische Psychologie und Psychosomatik am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf (seit 1992), und Univ.-Prof. an der Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie (seit 2000);

Geschäftsführender Direktor des Instituts für Psychotherapie der Universität Hamburg; Honorarprofessor für Klinische Psychologie an der Universität Innsbruck;

1993: Univ.-Prof. für Psychotherapie an der Abteilung für Psychotherapie der Universitätsklinik Ulm, Leiter der Sektion "Psychoanalytische Methodik";

1999-2005: Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie nach §11 PsychThG.

Ärzte Zeitung: Herr Professor Richter, was müsste genau geschehen, um die langen Wartezeiten zu vermeiden?

Professor Rainer Richter: Die Politik nimmt zwar wahr, dass sie bei der Versorgung psychisch kranker Menschen ein besonderes Problem hat, wagt es aber noch nicht, die politischen Konsequenzen zu ziehen. Psychische Krankheiten verursachen stark steigende Kosten für Unternehmen sowie für die Kranken- und Rentenversicherung. Viele Ausgaben wären vermeidbar, wenn Patienten frühzeitig und häufiger ambulant statt stationär behandelt würden. Die viel zu langen Wartezeiten bei niedergelassenen Psychotherapeuten verhindern dies.

Ärzte Zeitung: Verschlimmern sich psychische Krankheiten dadurch?

Richter: Ja! Zudem sind psychisch Kranke erheblich länger krank als notwendig, fallen am Arbeitsplatz monatelang aus oder müssen als mittlerweile chronisch Kranke ihr Erwerbsleben beenden. Psychische Krankheiten sind inzwischen die Hauptursache aller Frühverrentungen.

Auch für psychische Erkrankungen gilt: Früh und ambulant ist besser als spät und stationär. Deshalb benötigen wir mehr ambulante Behandlungsplätze, das heißt eine Neujustierung der Verhältniszahlen von Psychotherapeuten je Einwohner in der Bedarfsplanung, insbesondere in Kreisstädten, in ländlichen Regionen und im Ruhrgebiet. Die derzeitige sogenannte Bedarfsplanung geht in diesen Planungsbereichen von einem viel zu geringen Bedarf aus.

Das ist auch nicht verwunderlich, denn die derzeit verbindliche Richtlinie ermittelt keineswegs den tatsächlichen Behandlungsbedarf, der sich ja unter anderem an der Morbidität orientieren müsste, sondern beschränkt sich auf das Zählen von Praxissitzen. Die Bundespsychotherapeutenkammer fordert deswegen seit Langem, dass die Morbidität zu einem entscheidenden Faktor in der Bedarfsplanung werden muss.

Ärzte Zeitung: Kritiker entgegnen jedoch, dass es heute schon in einigen Teilen Deutschlands zu viele Psychotherapeuten gibt. Und erst kürzlich veröffentlichte Zahlen belegen, dass es eine deutliche Spreizung im Versorgungsgrad gibt. Tübingen weist einen Versorgungsgrad von 577,9 Prozent auf, Köthen hingegen 64,3 Prozent.

Richter: Weder die Spreizung noch die statistischen Versorgungsgrade sagen etwas über die reale Versorgung in einem Planungsbereich aus. Selbst in Tübingen warten Patienten durchschnittlich acht Wochen auf ein erstes Gespräch mit einem Psychotherapeuten. Länger als drei Wochen sollte auch ein psychisch kranker Mensch nicht auf seine Behandlung warten müssen!

Tatsache ist, dass es in ganz Deutschland, in den Städten und auf dem Land, zu lange Wartezeiten auf eine psychotherapeutische Behandlung gibt. Extrem lang sind die Wartezeiten im Ruhrgebiet und in den ostdeutschen Bundesländern. Schon daraus ist zu erkennen, dass die Wartezeiten in der ambulanten Psychotherapie - anders als bei den Hausärzten - kein alleiniges Problem der ländlichen Versorgung sind, sondern auf der willkürlichen Festlegung der seit 1999 gültigen Verhältniszahlen beruhen.

Wir brauchen in Deutschland schlichtweg mehr niedergelassene Psychotherapeuten.

Ärzte Zeitung: Was halten Sie von den Vorschlägen der Kassen, man könne lange Wartezeiten mit Kurzzeit- und Gruppentherapien verkürzen?

Richter: Wir sind etwas erstaunt, dass die Krankenkassen meinen, zu geringe Behandlungskapazitäten grundsätzlich dadurch erhöhen zu können, dass einfach kürzer und in Gruppen behandelt wird. Würden sich das die Kassen bei einer körperlichen Erkrankung trauen? Wenn die Ausgaben für Blutdruck oder Zucker senkende Medikamente zu sehr steigen, einfach die Dosis für alle reduzieren?

Ich frage mich, woher die Kassen die Kompetenz hernehmen, derart weit reichende und - wie ich meine -unzulässige Therapievorschläge zu unterbreiten. Sie übersehen dabei auch, dass schon jetzt die Hälfte der ambulanten Psychotherapien als Kurzzeittherapie mit bis zu 25 Behandlungsstunden durchgeführt wird.

Durchschnittlich dauert eine Psychotherapie rund 46 Stunden und kostet die Kassen knapp 3.700 Euro je Patient. Ein Modellprojekt der Technikerkasse hat gerade bewiesen, dass ein Euro, der für eine ambulante Psychotherapie ausgeben wird, einen volkswirtschaftlichen Nutzen von zwei bis vier Euro hat.

Und zur Gruppentherapie: Psychotherapeuten fordern seit Langem, die Rahmenbedingungen für Gruppentherapien zu verbessern. Es sind bürokratische Hürden, zum Beispiel der unzumutbare Aufwand bei der Antragsstellung, die bislang verhindern, dass mehr Gruppentherapien angeboten werden.

Das Interview führte Sunna Gieseke.

[10.09.2011, 16:13:22]
Lars Dittmar 
"nichtärztlicher" Kommentar zu den Kommentaren
Die Beiträge sind symptomatisch für die geringe Wertschätzung die Ärzte den „nichtärztlichen“ Psychotherapeuten entgegenbringen. Schon das Wort „nichtärztlich“ soll fachliche Nichteignung suggerieren. Das ist alles nicht neu. Seit es die Zunahme von Erkrankungen gibt, die sich offensichtlich von „Nichtärzten“ besser behandeln lassen als von den selbsternannten Göttern in Weiß, gibt es diese Verteilungskämpfe. Dabei geht es nicht um Qualität sondern schlicht um Geld. Diese Wertschätzung resultiert sicher auch aus dem Umstand, dass ein Urologe eine Anerkennung als Psychotherapeut faktisch hinterhergeworfen bekommt, während ein Psychologe, der schon durch sein Studium 5 Jahre „Vorsprung“ hat, sich beeilen muss, diesen Abschluss noch vor der Rente zu bekommen. Das er dann – im Gegensatz zu einem HNO-Arzt nur 20 Wochenstunden Leistung erbringt, liegt nicht an seinem betagten Alter, sondern an der Art der Behandlung und dem damit verbundenen Zusatzaufwand. Während der HNO durchaus der Gefahr ausgesetzt ist, sich bei einem seiner Patienten einen Schnupfen zu holen, holt sich der Psychotherapeut diesen bei jedem Patienten. Dass die Herren das nicht verstehen, zeigt das Ausmaß ihrer Qualifikation. Vermutlich können sie Supervision gerade richtig schreiben.
Interessant ist auch die Einteilung. Die Psychiater behandeln die schweren Fälle ! Und das geht recht fix. Ein Amputier benötigt für die Lösung des Problems mit dem Bein eine Stunde, ein Physiotherapeut einige Wochen. Aber im Ergebnis kann man dann auch noch laufen. Im Gegensatz zum Psychiater löst der Amputier aber wenigstens das Problem. Der andere verschleiert es meistens. Die Verschreibungsstatistik von Ritalin zeigt die Ohnmacht der Herren.
Die Politik muss endlich reagieren und die Blockade der ärztlichen Selbstverwaltung in diesen Fragen durchbrechen. Es müssen endlich die, die es besser können, auch besser bezahlt werden. Die Tarife an den Kliniken spiegeln die geringe Wertschätzung.
Es gab Zeiten, da hat der Friseur auch die Zähne gezogen. Später hat man dafür einen Beruf erfunden. Sollte es tatsächlich nur daran liegen, dass dies ein Arztberuf wurde, dass dessen Leistung heutzutage allgemein anerkannt ist? Ein Sperma auf dem Weg zur Eizelle: „Lasst mich vor, ich werde Arzt!“
 zum Beitrag »
[04.08.2011, 08:55:55]
Dr. jens wasserberg 
Psychotherapie neue Königsdisziplin ?
Vielleicht hängen die langen Wartezeiten auch mit der Tatsache zusammen, dass ein nichtärztlicher Psychotherapeut deutlich weniger Behandlungszeit pro Woche erbringt (z.B. Bremen 20 h pro Woche ).
Außerdem ist die nichtärztliche Psychotherapie, die sich nicht mit schwerwiegenden psychiatrischen Krankheitsbildern beschäftigt, in der Menge geradezu explodiert. Wenn man gleichzeitig einmal bedenkt, dass für die Behandlung eines Diabetikers oder eines Herzkranken pro Jahr ca. 350 € für die haus- und fachärztliche Grundversorgung zusammen zur Verfügung stehen, dann drängt sich die Frage auf, wie es kommen konnte, dass die Finanzmittel in der ambulanten Medizin derart in eine nichtärztliche Richtung umgeleitet werden konnten. Ist die nichtärztliche Psychotherapie die neue Königsdisziplin der Medizin, obendrein noch ohne ärztliche Ausbildung ?

 zum Beitrag »
[03.08.2011, 18:16:00]
Dr. Knut Hollaender 
Deutschland braucht mehr Psychiater
Da die psychisch Kranken zu 75 % bei Psychiater und Nervenärzten behandelt werden und nur zu 25 % bei Psychotherapeuten ist eine Verbesserung der finanziellen Vergütung der psychiatrischen Behandlung vonnöten. Die Psychotherapeuten erhalten schon jetzt 75 % des Honorars. Eine weitere Steigerung der Psychotherapie wird keine bessere Behandlung von psychisch erkrankten Menschen bringen. Eine Aufstockung der psychiatrischen Behandlungskapazitäten ist hingehend dringlich erforderlich.
Es verwundert, warum zur Fragen der Behandlung von psychisch erkrankten Menschen die Psychologen interviewt werden, die ja nur einen geringen Anteil an der Behandlung haben und zudem häufig nur leichter erkarnkte Patienten behandeln.  zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Hüpfen und Einbeinstand halten fit

Hüpfen, Treppensteigen oder auf einem Bein Zähneputzen: Mit bewussten, einfachen Übungen können alte Menschen ihre Beweglichkeit erhöhen und die Sturzgefahr senken. mehr »

Gala mit Herz und Verstand

Mit einer festlichen Gala hat Springer Medizin pharmakologische Innovationen und ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet. Die Preisträger vermittelten Hoffnung auf Heilung und auf Hilfe, hieß es am Donnerstagabend. mehr »

Das sind die Gewinner des Galenus-von Pergamon-Preises 2017

Mit dem Galenus-von-Pergamon-Preis, der auch international große Anerkennung findet, wurden erneut Exzellenz in der deutschen pharmakologischen Grundlagenforschung und die Entwicklung innovativer Arzneimittel gekürt. mehr »