Ärzte Zeitung online, 19.10.2011

Orgasmus kann Kurzzeitgedächtnis leer fegen

Orientierungslos nach dem Orgasmus? Das kann passieren, denn nach einer starken Erregung macht mitunter das Kurzzeitgedächtnis schlapp. Eine US-Amerikanerin verlor nach dem Orgasmus sogar alle Erinnerungen an die letzten 24 Stunden.

Von Thomas Müller

Orgasmus kann Kurzzeitgedächtnis leer fegen

Vorsicht vor Amnesie nach dem Sex: Der sexuelle Höhepunkt kann für manche unangenehm werden, denn dadurch kann das Kurzzeitgedächtnis gelöscht werden.

© yuri arcurs / fotolia.com

WASHINGTON. Der Sex muss gut gewesen sein - allerdings konnte sich eine 54-jährige Frau nicht mehr daran erinnern, denn der Höhepunkt löschte ihr Kurzzeitgedächtnis: Alle Erinnerungen aus den letzten 24 Stunden waren plötzlich weg.

Wie ihr Mann später den Ärzten in der Notaufnahme berichtet hat, konnte sich die Frau auch all das nicht mehr merken, was in den 20 bis 40 Minuten nach dem sexuellen Höhepunkt geschah. Daher löcherte sie ihren Gatten unablässig mit denselben Fragen.

Frau blieb bei Bewusstsein

Während der ganzen Episode blieb sie jedoch bei Bewusstsein und konnte sich selbst und ihren Mann klar erkennen.

Als man sie aus Furcht vor einer schweren Erkrankung in die Notaufnahme brachte, hatte sich das Gedächtnis wieder weitgehend normalisiert, berichten die beiden Notfallmediziner Dr. Kevin Maloy und Dr. Jonathan Davis aus Washington (J Emerg Med 2011; 41:257-260).

Keinerlei Auffälligkeiten gefunden

Die klinische Untersuchung und die Anamnese ergaben keinerlei Auffälligkeiten. Weder hatte die Frau zuvor schon vergleichbare amnestische Ereignisse erlebt, noch hatte sie Zeichen von transienten ischämischen Attacken (TIA) bemerkt.

Auch eine Epilepsie und ein Substanzmissbrauch konnten bei der Befragung weitgehend ausgeschlossen werden.

Ärzte stellten Diagnose TGA

Sensorik und Motorik waren bei der neurologischen Untersuchung ebenso normal wie Langzeitgedächtnis, Aufmerksamkeit und Sprache; die Patientin hatte auch keine Kopfschmerzen. Zum Ausschluss einer TIA erhielt sie dennoch ein MRT inklusive Angiografie.

Wiederum fanden die Ärzte nichts Ungewöhnliches. Die Diagnose lautete schließlich transiente globale Amnesie (TGA).

5 von 100.000 Menschen pro Jahr betroffen

Nach Angaben von Maloy und Davis tritt diese Amnesieform jährlich bei drei bis fünf von 100.000 Personen auf, bei über 50-Jährigen liegt die Inzidenz mit etwa 23 pro 100.000 deutlich höher.

Als Auslöser gelten normalerweise extreme körperliche, psychische und emotionale Belastungen oder starke Reize, darunter auch starke Schmerzen. Aber auch ein Orgasmus als Auslöser sei in der Literatur schon mehrfach beschrieben worden.

Symptome verschwinden normalerweise nach Minuten

In der Regel verschwinden die Symptome nach wenigen Minuten. Die Amnesie verläuft meist anterograd und selten auch retrograd, wobei dann, wie im Beispiel beschrieben, meist nur die jüngsten Erinnerungen ausradiert werden.

Häufig leiden die Patienten an einem Orientierungsverlust, wissen nicht, was los ist, wo sie sich befinden, und geraten deswegen mitunter in Panik. Da sie sich kurz nach dem Ereignis nichts mehr merken können, stellen sie immer wieder dieselben Fragen.

Ernste neurologische Ursachen müssen ausgeschlossen werden

Für Ärzte ist vor allem wichtig, ernste neurologische Ursachen der Amnesie auszuschließen. Maloy und Davis nennen hier vor allem eine TIA, aber auch epileptische Anfälle und subarachnoidale Blutungen.

So wurde eine solche Blutung in einer Untersuchung von zehn Patienten mit TGA bei einem Patienten festgestellt. Dieser zeigte allerdings zusätzlich zur Amnesie auch eine Kleinhirnsymptomatik.

Kopfschmerzen werden ebenfalls häufig bei Patienten mit TGA beschrieben, im Vergleich zu den Schmerzen bei einer TIA sind sie jedoch meist milder und stehen für die Betroffenen nicht im Vordergrund. Bewusstseinstrübungen sprechen klar gegen eine TGA.

Bildgebende Diagnostik ist meist überflüssig

Die beiden Notfallmediziner raten ihren Kollegen, auf eine weiterführende Diagnostik bei der TGA zu verzichten, wenn die Patienten keine zusätzlichen neurologischen Symptome haben, die Amnesie sich rasch zurückbildet und auch keine Risikofaktoren für TIA und Schlaganfall vorliegen.

Die Bildgebung diene in solchen Fällen häufig nur dazu, die Angst der Betroffenen vor einer ernsthaften Erkrankung auszuräumen.

Unklar, wie es zur TGA kommt

Noch weitgehend unklar ist es, wie es zur TGA kommt. Diskutiert werden unter anderen transiente Gefäßverengungen in Gehirnbereichen, die für das Gedächtnis wichtig sind. Dies würde die transiente Amnesie tatsächlich in die Nähe der TIA rücken.

Dagegen sprechen allerdings Daten von Untersuchungen, nach denen sowohl die Schlaganfallrate als auch die Sterberate bei Patienten in den ersten Jahren nach einer TIA siebenmal höher war als nach TGA.

[19.10.2011, 22:11:35]
Dr. Horst Grünwoldt 
Syndrom TGA - wunderbar!
Der transienten, globalen Amnesie (TGA= vorübergehender, vollständiger Gedächtnisverlust) als Folge eines wunderbaren Orgasmus haben offensichtlich die Amerikaner sofort in die Kategorie "Krankheit" eingeordnet und dem Syndrom auch gleich noch einen pseudo-wissenschaftlichen Namen gegeben.
Dabei kann doch für zwei gestresste und einander zugeneigte Menschen das höchste Glück sein, einmal kurzfristig den Alltag für 24 Stunden zu vergessen, ohne nach dem Liebesakt sich gleich wieder an alles Gestrige zu erinnern. Als Mann ist mir dies jedenfalls nicht unbekannt!

Eigentlich zeigt doch diese physiologisch-neurologische Reaktion nur, daß der virtuelle Orgasmus zwar bewußt "gespielt", aber der reale gottlob nicht vom Bewußtsein gesteuert werden kann, sondern der tiefsten (animalischen, s.a. "animus", heißt lat. nicht nur "das Tierische", sondern auch "das Beseelte") Stammhirnregion entspringt. Und in dieser Ausnahmesituation werden sogar die überreizten Regionen der Großhirnrinde für einen Moment "leer-gefegt" oder ausgeschaltet.
Dabei geht aber das früher Erlebte und Gelernte ja gottseidank nicht aus dem Gedächtnis verloren, sondern wird vorübergehend nur in einen anderen Fundus verschoben.
Das kennen wir ja auch aus eigenem Erleben und dem unserer Kinder in den Pubertätsjahren. Nur die dauern eben etwas länger...
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt aus Rostock
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