Ärzte Zeitung, 21.01.2015

Schädel-Hirn-Trauma

Hoffnungsvoller Wirkstoff fällt durch

Auf der neuroprotektiven Wirkung von Progesteron hatten große Hoffnungen gelegen. In einer großen Studie mit Schädel-Hirn-Trauma-Patienten ist das Steroid jedoch durchgefallen.

ATLANTA. Trotz jahrzehntelanger Forschung hat sich bislang kein Wirkstoff gefunden, der die Prognose von Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma (SHT) verbessern kann. Daran wird sich nun so schnell nichts ändern.

Der jüngste Hoffnungsträger ist gerade gescheitert. Progesteron hatte im Tierexperiment Hirnödeme, Neuronenuntergang und Verhaltensausfälle reduziert und auch in zwei kleineren Studien mit SHT-Patienten Mortalität und Funktionsstatus gegenüber Placebo verbessert.

In einer randomisierten Multizenter-Studie konnten diese Ergebnisse jetzt jedoch nicht reproduziert werden. Die mit dem Steroid behandelten Patienten hatten nach sechs Monaten nicht häufiger ein günstiges funktionelles Ergebnis als Patienten unter Placebo, wie Ärzte von der Universität in Atlanta berichten (N Engl J Med 2014, online 10. Dezember).

Eigentlich hätten an der Studie über 1100 Patienten teilnehmen sollen. Aufgrund des fehlenden Gruppenunterschieds bei Interimsanalysen wurde die Studie jedoch vorzeitig beendet, die Teilnehmerzahl erreichte damit nur 882.

Die Patienten hatten ein mittleres bis schweres SHT erlitten (Glasgow Coma Scale, GCS: 4-12 Punkte von 3-15 möglichen Punkten; niedrigere Werte entsprechen geringerem Bewusstseinsgrad); über die Hälfte hatte eine mittelschwere bis schwere Verletzung (GCS: 6-8).

Der mittlere Injury Severity Score betrug 24,4 (auf einer Skala von 0 bis schlimmstenfalls 75). Die Studienbehandlung - i.v. Progesteron oder Placebo - war spätestens vier Stunden nach dem Unfall begonnen und über 96 Stunden fortgesetzt worden.

Behandlungen statistisch gleichwertig

Zum Wirksamkeitsvergleich wurde primär der Anteil an Patienten mit günstigem Sechs-Monats-Ergebnis herangezogen. Ob ein solches vorlag, wurde mit dem Extended Glasgow Outcome Scale (GOS-E) bestimmt, und zwar jeweils in Abhängigkeit vom Schweregrad des anfänglichen Schadens; das heißt Patienten mit leichterem SHT mussten dafür einen besseren Funktionsstatus erreichen als Patienten mit schwerem SHT.

In der Steroidgruppe erreichten 51 Prozent der Patienten diesen Endpunkt, in der Placebogruppe waren es 55 Prozent; der Unterschied war nicht signifikant. Auch beim sekundären Endpunkt Mortalität waren die Behandlungen statistisch gleichwertig. Unter Progesteron starben 18,8 Prozent der Patienten, unter Placebo 15,7 Prozent.

Ein signifikanter Unterschied zeigte sich dagegen bei den Nebenwirkungen: Mit dem Steroid kam es häufiger zu Phlebitiden und Thrombophlebitiden (17,2 Prozent vs. 5,7 Prozent).

Den Studienautoren um David W. Wright zufolge könnte das negative Ergebnis der Studie mit der großen Heterogenität von SHT-Patienten zusammenhängen.

Für künftige Studien sei es daher möglicherweise sinnvoll, homogenere Patientengruppen einzubeziehen beziehungsweise gezieltere und adaptive Behandlungsstrategien zu erproben, schlussfolgern die Wissenschaftler. (bs)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Häufiger Anaphylaxie unter Erdnuss-Immuntherapie

Schlechte Nachrichten für Patienten mit Erdnuss-Allergie: Einer Meta-Analyse zufolge traten unter einer oralen Immuntherapie bei Kindern deutlich mehr allergische Reaktionen auf. mehr »

Unterschiedliche Positionen zur Impfpflicht

Im internationalen Vergleich steht Deutschland in Sachen Masern-Impfschutz gar nicht so schlecht da. Ein Grund, sich auszuruhen, ist das nicht, meinen Ärztevertreter. Doch wie weit sollte eine Impfpflicht gehen? mehr »

Honorar für Leichenschau soll mehr als verdoppelt werden

Eine Arztstunde für rund 220 Euro: Gesundheitsminister Jens Spahn plant eine Neubewertung der Leichenschau in der GOÄ ab 2020. Bei den Ärzten stößt er damit auf Gegenliebe. mehr »