Ärzte Zeitung, 08.12.2016
 

Psychisch Kranke

Oft Opfer von Gewalt – auch in Kliniken

Geschlagen, vergewaltigt, bedroht – die meisten psychisch Kranken haben in ihrem Leben bereits massive Gewalt erfahren. Davor sind sie auch in psychiatrischen Einrichtungen nicht sicher.

Von Thomas Müller

BERLIN. In der Diskussion um die Gewaltbereitschaft psychisch Kranker wird ein Aspekt oft wenig berücksichtigt: Solche Menschen sind weitaus häufiger Gewaltopfer als -täter, erläuterte Professor Tilman Steinert von der psychiatrischen Klinik in Weissenau beim Kongress der Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin.

Steinert verwies etwa auf eine britische Studie mit über 360 psychisch schwer kranken Patienten. Von ihnen war ein Viertel in den vergangenen zwölf Monaten Opfer von Gewalt geworden, 10 Prozent der Frauen berichteten von sexuellen Übergriffen. Solche Gewalttaten trafen psychisch Kranke etwa fünffach häufiger als dies in der Allgemeinbevölkerung der Fall ist. Psychisch kranke Frauen sind im Vergleich zu nicht erkrankten Frauen danach sogar einem sechs- bis siebenfach höheren Risiko ausgesetzt, Opfer von Gewalt zu werden.

Besonders Frauen betroffen

Zu ähnlichen Resultaten kam auch eine australische Studie mit über 1800 Teilnehmern: Psychosekranke Frauen wurden 6,5-fach häufiger Opfer von körperlichen und sexuellen Übergriffen, Männer 3,8-fach häufiger als nicht erkrankte Geschlechtsgenossen.

Schließlich deutet eine US-Untersuchung bei 142 Patienten darauf hin, dass die Gewalt auch in der Psychiatrie nicht endet: 65 Prozent der Befragten waren bei der Klinikeinweisung in Handschellen in einem Polizeifahrzeug transportiert worden, ein Viertel hatte Medikamente gegen ihren Willen bekommen, ebenso viele waren körperlichen Angriffen durch Mitpatienten ausgesetzt, 18 Prozent nannten auch sexuelle Übergriffe.

Nicht viel besser ist die Situation offenbar in Deutschland, wie Steinert anhand einer eigenen Studie deutlich machte. In dieser Studie wurden insgesamt 170 Patienten in Wiedereingliederungsmaßnahmen befragt – die Hälfte Frauen. Ein Großteil hatte eine psychotische Erkrankung, im Schnitt waren die Patienten bereits elfmal in einer psychiatrischen Klinik gewesen. Die Erhebung der Daten erfolgte anonym anhand eines umfangreichen Fragenbogens und ohne persönliches Gespräch.

Daten auch aus Deutschland

Wie sich zeigte, war 70 Prozent der Patienten im privaten Umfeld schon einmal Gewalt angedroht worden, bei 37 Prozent wurde der Drohung mit einer Waffe Geltung verschafft. 51 Prozent hatten tatsächlich Gewalt erlebt, 41 Prozent um ihr Leben gefürchtet. Die Hälfte der Frauen berichtete von Vergewaltigungen.

Auch in der Psychiatrie scheint es Patienten in Deutschland nicht besser zu ergehen als in den USA: 56 Prozent beklagten eine Einweisung und 29 Prozent eine Medikation gegen den eigenen Willen, 38 Prozent nannten Fixierungen, 51 Prozent hatten von Zeit zu Zeit Angst vor Mitpatienten, 17 Prozent der Patienten erwähnten körperliche Angriffe und 21 Prozent sexuelle Annäherungsversuche. 11 Prozent berichteten von körperlichen Angriffen durch das Psychiatriepersonal, sieben Prozent von sexuellen Übergriffen durch Mitpatienten, vier Prozent auch von Übergriffen durch das Klinikpersonal.

Letztere, so Steinert, hatten besonders dramatische Folgen für die Betroffenen: Mehr als alle anderen negativen Erlebnisse blieben diese im Gedächtnis der Betroffenen haften und gingen mit einem Gefühl von Demütigung, Hilflosigkeit und Angst einher.

Der Psychiater geht davon aus, dass negative Erlebnisse in der Psychiatrie, etwa durch Zwangsmaßnahmen, die Viktimisierung der Patienten noch verstärken und sich ungünstig auf den Therapieerfolg auswirken. "Es gibt Patienten, die können uns nur noch als Täter sehen. Hier wird der Umgang ganz schwierig", so Steiner.

[08.12.2016, 12:09:27]
Claus F. Dieterle 
Aber auch die Kommunikation!
Bei meinen Krankenbesuchen in der Psychiatrie stelle ich immer wieder fest, wie Ärzte ihre Berufsordnung verletzen, indem sie bei Gesprächen die Wahrung der Menschenwürde und die Achtung der Persönlichkeit der Patienten missachten. zum Beitrag »

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